Biologie und Medizin arbeiten zusammen / Von G. Winter

Im gesunden Organismus teilen sich die Zellen solange, bis der Körper in allen seinen Teilen harmonisch entwickelt ist. Dann erfolgt von den Organisationszentren des Körpers aus der Befehl zur Einstellung der Zellteilungen. Die gesunde Zelle gehorcht und das Wachstum ist abgeschlossen. Anders die Krebszelle: Sie verweigert diesem Befehl den Gehorsam und beginnt hemmungslos zu wuchern und durch ihr Wachstum die lebenswichtigen Organe des Körpers zu zerstören. Wie kommt die Zelle dazu, so außerhalb der Reihe zu tanzen und wie kann ich sie zwingen, wiederden Befehlen des Körpers zur Einstellung des Wachstums zu gehorchen?

Entfernt man Gewebe aus einem Körper, normales Gewebe, so kann man aus ihm eine Gewebskultur anlegen, das heißt bei sachgemäßer Ernährung in bestimmten Nährlösungen beginnen die Zellen sich wieder zu teilen, also das zu tun, was sie im Körper offensichtlich nicht mehr können. Bringe ich sie aber in den Körper zurück, pflanze sie wieder ein, so beginnt wieder die Hemmung der Zellteilung. Es sind also offensichtlich Hemmungsstoffe, die den ausgewachsenen Gewebeteilen zufließen und die Einstellung des Wachstums veranlassen.

Warum der Krebs um sich greift

Wer einem Befehl gehorchen will, muß auch hören können. Wer das Gehör verliert, wird auf diese ihm sonst so vertraute Form, Weisungen entgegenzunehmen, nicht mehr reagieren können. Und dieses Unglück ist der Krebszelle zugestoßen: sie ist taub geworden, taub für die Befehle des übrigen Körpers, unempfindlich für die Hemmungsstoffe, die sonst die Zellteilungen verändern können! Ihre erblichen Eigenschaften sind durch irgendwelche Umstände verändert, so verändert, daß sie zu einem Feind der Lebensgemeinschaft des Körpers wird, dem sie angehört, und sich so schließlich selbst vorzeitig zum Absterben bringt, Diese Taubheit, dieses Unvermögen kann nun durch verschiedene Ursachen hervorgerufen werden. Zahlreiche Bestandteile des Teers, des Rohöls und Ölschiefers, ferner Anilin, aber auch Kaliumbichromat oder Nickelsalze, Asbest und Arsen und schließlich das früher zur Lebensmittelfärbung verwendete Buttergelb können die Zellen so schädigen, daß schließlich Krebsbildung eintritt. Aber auch zu starke Einwirkung von Röntgenstrahlen oder Radium (Atombombe!) kann solche Veränderungen auslösen. Und schließlich bekommt auch die alte Theorie, daß Krebs durch einen Mikroorganismus verursacht würde, in gewisser Weise Recht. Nur sind es sehr kleine „Mikroorganismen“, nämlich Viren, streng genommen also doch chemische Verbindungen, die als Krebserreger in Frage kommen. Doch im Pflanzenreich kennen wir schließlich im Erreger der Wurzelkropfkrankheit der Obstbäume, die in Baumschulen zeitweise sehr gefürchtet war, ein echtes Bakterium, das einen Krebs verursacht, der außerordentlich große Verwandtschaft mit dem normalen menschlichen Krebs hat. Die Zahl der Ursachen ist also groß und in sich sehr verschiedenartig, die Wirkung auf die Zelle aber stets die gleiche: eine Änderung der auf die Zusammenarbeit mit dem übrigen Organismus auf das feinste abgestimmten Eigenschaften.

Der Krebs kann also eine Berufskrankheit sein: Teerarbeiter, Schornsteinfeger, Generatorgasarbeiter, Arbeiter in Spinnereien (Ölschiefer zum Benetzen der Baumwolle!), Arbeiter in Anilinfabriken, Arbeiter der Brikettindustrie (Teer), der Asphaltindustrie, der Asbestindustrie, im Uranbergbau, Kürschner (Arsen) und Angehörige der Tapetenindustrie (Arsen) und schließlich Röntgenärzte und Schwestern sind besonderen Gefahren ausgesetzt. Und wir alle kommen durch die Ziausgesetzt. (Teerstraßen, Abgase der Motorfahrzeuge usw.) mit zahlreichen Chemikalien in Berührung, die krebsauslösende Eigenschaften haben können. Nun scheint es ja so, als wenn der Körper sich an die Zuführung von Genußmitteln oder „Rauschgiften“, wie Kaffee, Nikotin, Alkohol und so weiter, sehr gewöhnen kann und Schäden durch übermäßigen Genuß solcher Stoffe bei Abstinenz wieder weitgehend ausgeglichen werden können. Der Körper vergißt das Leid, das ihm können, wurde! Nicht aber bei den krebsauslösenden Stoffen und den Röntgenstrahlen. Jede Dosis des betreffenden Stoffes oder jede Röntgenbestrahlung bringt ihn dem kritischen Zustand näher. Eine bestimmte Dosis ist erforderlich, ob sie nun auf einmal oder in kleinsten Mengen mit großen Zwischenabständen verabreicht wird, bleibt einerlei! Der Körper verbucht gleichsam jede einerder Substanz, und in dem Augenblick, in dem das der Krebsbildung erforderliche Mindestmaß erreicht ist, setzt an dem für die betreffende Subreicht besonders empfindlichen Organ (Leber, Darm, Lunge, Kehlkopf usw.) die Krebswucherung ein.

Das ist die Ursache dafür, daß der Krebs in der Regel erst in einem höheren Lebensalter gefährlich wird, zumal mit dem Alter die krebsauslösende Mindestmenge geringer zu werden scheint. Das durchschnittliche Alter des Europäers hat sich aber in den letzten hundert Jahren verdoppelt und die Wahrscheinlichkeit einer Berührung mit krebsauslösenden Stoffen hat sich erhöht! Zwei wesentliche Gründe für das Umsichgreifen des Krebses.