Einige Monate vor Ablauf der Spielzeit schon hat Heinz Hilpert die Leitung des Konstanzer Stadttheaters zum Ende des Januars abgegeben. Das Experiment, einen sehr großen Theatermann an der Bühne einer verhältnismäßig sehr kleinen Stadt seßhaft zu machen, ist gescheitert. Darin liegt etwas Wehmütiges für diejenigen, die das Hilpertsche Theater in der so sympathischen Bodensee-Atmosphäre erlebt haben. Denn das war wie ein Wunder: vom sommerlichen See zu kommen und dann eine Shakespeare-Aufführung zu sehen, wie sie in keiner Weltstadt, weder in Berlin noch in Wien, zauberhafter und charmanter gezeigt worden ist.

Manche Ursachen haben zusammengewirkt, um Hilpert die Weiterführung des Konstanzer Theaters zu verleiden. Vor längerer Zeit hatte er schon, in Voraussicht der kommenden Schwierigkeiten, sich für die nächste Saison nach Göttingen verpflichtet, das zwar auch keine Großstadt, aber dank der Universität doch in hohem Maß eine Stadt der Intellektuellen ist, und überdies Hilpert und seinen Mitarbeitern manche Chance der Filmarbeit bieten mag. Daß er aber auch nicht mehr bis zum Ende der Spielzeit in Konstanz blieb, hat vornehmlich finanzielle Gründe. Er hatte das Konstanzer Theater unmittelbar nach der Währungsreform übernommen und bald feststellen müssen, daß unter den veränderten Umständen ein ausgeglichener Haushalt, auch bei größter Opferfreude des künstlerischen Personals nicht aufzustellen war. Das kleine Haus hätte kaum, wenn es ständig ausverkauft gewesen wäre, die Erhaltung eines entsprechenden Ensembles ermöglicht. Durch die Spielzeit 1948/49 schlug er sich trotzdem wacker durch. Aber das vergangene Jahr ließ die Theaterkrise, auch in Konstanz, immer schärfer werden, und schon im Sommer war es klar, daß die neue Saison nur mit entsprechenden Subventionen durchzuführen sein würde. Hilpert hat sich dieser Einsicht nicht verschlossen. Er hat hier und dort verhandelt, mit der Stadt Konstanz, mit dem Land Südbaden, mit anderen Behörden, auch mit privaten Kreisen. Zusammen sagten ihm diese Stellen nicht weniger als 300 000 DM für diese Spielzeit zu. Allein sie zahlten nicht. Anscheinend hat nur die Stadt ihre Versprechungen voll eingehalten. Nur 34 500 Mark bekam Hilpert – und damit mußte es unmöglich werden, das Theater weiterzuführen. Sicherlich trug die beginnende Wirtschaftskrise dazu bei, von der auch die präsumptiven Geldgeber betroffen wurden. Daneben scheint aber auch die Kritik an Hilperts Repertoire eine Rolle gespielt zu haben, das man als etwas eigenwillig ansah, während man der Meinung war, mit Operetten und leichteren Lustspielen wäre ein besserer Besuch des Theaters zu erreichen gewesen. Zumindest scheint eine solche Kritik aus der betonten Ankündigung zu sprechen, daß nach dem Abgang Hilperts auch Opern und Operetten gegeben werden sollen. (Hilpert gab in dieser Spielzeit neun Stücke, nämlich: Egmont, Maria Stuart, Andacht zum Kreuze, Anna Christie, Das Konzert, Pygmalion, Biberpelz, Hokuspokus und Die Gefangenen, als letztes Stück gibt er in diesen Tagen noch „Ein Strich geht durch das Zimmer“).

Über ein Repertoire läßt sich immerhin streiten. Indes wird sich herausstellen, daß der Verlust bei dieser Trennung wesentlich ein Verlust für Konstanz und Südbaden sein wird. Es mag sein, daß mit einem volkstümlicheren Spielplan das Theater stärker besucht und auch billiger sein wird. Besser wird es bestimmt nicht sein. Und die anderthalb Spielzeiten, die Hilpert in Konstanz verbracht hat, werden immer eine Epoche bezeichnen, in der das Konstanzer Stadttheater eine der ersten Bühnen Deutschlands war. Damit soll kein Wort gegen den tüchtigen Dr. Schmiedhammer gesagt sein, der am 1. Februar Hilperts Nachfolge antritt, dessen Stellvertreter er bisher war. W. F.