Ein Buckliger erhielt einen anonymen Brief. „Seien Sie am Sonnabend, dem 12. April, um sieben Uhr abends in den Anlagen am Dom ...

Ich bin jung, reich, unverheiratet und – warum soll ich es verheimlichen – kenne Sie schon lange und liebe Sie, Ihren stolzen, traurigen Blick, Ihre edle, kluge Stirn, Ihre Einsamkeit ... Ich will hoffen, daß auch Sie in mir eine verwandte Seele finden werden... Meine Kennzeichen: Dunkelgraues Kostüm, in der linken Hand einen lilafarbenen Seidenschirm, in der rechten ein Veilchensträußchen...“

Wie erschüttert war er, wie ersehnte er diesen Tag – der erste Liebesbrief in seinem Leben.

Am Sonnabend ging er zum Friseur, kaufte sich neue Schuhe, Handschuhe und eine Krawatte. Zu Hause stand er endlos vor dem Spiegel und band sich immer wieder die neue Krawatte mit seinen langen, knochigen, alten und zitternden Fingern; unter der dünnen Haut seiner Wangen zeigte sich ein schönes Rot, die wundervollen Augen wurden dunkler... Dann setzte er sich wie ein Gast, wie ein Fremder in seiner Wohnung in einen Sessel und erwartete die schicksalhafte Stunde. Endlich schlug es im Eßzimmer drohend und feierlich halb sieben. Beherrscht erhob er sich, zog im Vorzimmer ohne Eile den Frühjahrsmantel an, setzte den Frühjahrshut auf, nahm einen Stock und ging langsam hinaus.

Auf der Straße aber verließ ihn die Selbstbeherrschung. Mit seinen langen, dünnen Beinen schritt er herausfordernd und würdig, wie Bucklige zu gehen pflegen, schneller und schneller dahin, im Innern aber bebte er vor Schüchternheit, wie wir sie oft vor unserem Glück empfinden.

Als er beinahe laufend die Anlagen am Dom erreichte, erstarrte er: im rosigen Schein der Frühlingsdämmerung kam ihm, mit den gleichen würdigen, breiten Schritten, in einem dunkelgrauen Kostüm und einem reizenden Hütdien, einen lilafarbenen Schirm in der linken Hand und ein Veilchensträußchen in der rechten, eine Bucklige entgegen. Iwan Bunin

Aus dem Russischen von M. Stepun