Über den Pekinger Sender gab die Regierung der Chinesischen Volksrepublik im Januar ihr verkehrspolitisches Programm für das erste Halbjahr 1950 bekannt: Reparatur bzw. Neubau von 6000 Kilometer Autostraße, Ausbau des Eisenbahnnetzes, Normalisierung der chinesischen Flußschiffahrt, Errichtung internationaler Schiffsrouten und Wieder schiffbarmachung des Yü ho, auch „Kaiserkanal“ genannt.

Um das Jahr 246 vor der Zeitwende riß ein Usurpator namens Cheng wang die Macht in China an sich. In einem fünfundzwanzigjährigen Kampf besiegte er die sich gegen ihn wehrenden Fürsten Chinas und bestieg als Shi huang ti – das bedeutet „Erster Kaiser“ – den damaligen Drachenthron. Mit der Annahme dieses Namens wollte er den Beginn einer neuen Ära des chinesischen Volkes zum Ausdruck bringen. Das bisherige Feudalsystem wurde abgeschafft, die absolute Monarchie, die erst 1912 abdankte, eingeführt, und in den zwölf Jahren seiner Regierung als Gewaltherrscher vollführte er Werke, die bis heute erhalten sind: Chinas Großmachtstellung bis zum Beginn des europäischen Imperialismus und die Fertigstellung der weltbekannten Ch’ang ch’eng (großen Mauer). Außerdem begann er den Bau des Yü ho, des Kaiserflusses, auch Kaiserkanal genannt.

Wie der große Tyrann Shi huang ti das Reich der Mitte als Riesenstaat begründete und festigte, so ging der Kaiser T-ai tsung daran, durch Expansionen nach Westen, Norden und Süden die Grenzen Chinas vorzustecken. Im Kampf um die koreanische Halbinsel bekriegte er die Japaner und vernichtete 663 deren Flotte. Der Sieg soll nur dadurch ermöglicht worden sein, daß viele chinesische Kriegsdschunken aus dem heutigen Golf von Tschili durch den „Kaiserkanal“ segelten, unterhalb der heutigen Hafenstadt Schanghai das Gelbe Meer erreichten und durch dieses maritime Umgehungsmanöver im Rücken der japanischen Flotte aufkreuzten.

In der neuzeitlichen Weltpolitik haben künstliche Wasserstraßen ihren verkehrspolitischen und strategischen Zweck durchaus bewiesen; es sei nur an den Panamakanal für die USA erinnert. Der „Kaiserkanal“ Chinas hat aber für moderne Handels- und Kriegsschiffe keinen Tiefgang, weil er seinerzeit nicht durch Ausschachtung und Grabungen angelegt, sondern durch die Aufrichtung von Dämmen an seinen Seiten schiffbar gemacht wurde. Dadurch hat er stellenweise eine wechselnde Breite zwischen achtzig bis dreihundert Meter. Zur Erleichterung seiner Streckenführung wurden die vorhandenen großen Seen sowie die kleineren oder größeren Flüsse mit einbezogen. Als der bekannte deutsche Geograph Ferdinand von Richthofen vor achtzig Jahren den „Kaiserkanal“ bereiste, war er nur noch stellenweise benutzbar, aber dennoch schrieb Richthofen: „... eine der größten Arbeiten, die je von Menschen ausgeführt wurden – noch immer die Lebensader und der Verkehrsweg der großen chinesischen Niederung...“ – Der Kanal versandete in diesem Jahrhundert immer mehr, wurde unbenutzbar und sollte bereits vor dreißig Jahren mit nordamerikanischer und japanischer Hilfe wieder schiffbar gemacht werden. Aber das Projekt konnte durch die damaligen Diadochenkämpfe der Gouverneure und Generale nicht realisiert werden.

Nun ist erneut auf Grund des verkehrspolitischen Programms der Chinesischen Volksrepublik für das erste Halbjahr 1950 der Beginn der Wiederinstandsetzungsarbeiten am „Kaiserkanal“ vorgesehen, damit die Wasserwege der verkehrsunerschlossenen Gebiete Chinas zur Ausnutzung kommen; außerdem kann nicht nur der Hoangho, sondern auch der Jangtsekiang volkswirtschaftlich besser mitausgewertet werden. So würde zum Beispiel eine Frachtladung auf dem Wasserwege von Tientsin nach Nanking nicht nur den Seeweg um die Schantung-Halbinsel und durch das Gelbe Meer vermeiden, sondern auch die Unkosten wesentlich verringern. Man könnte dieses Vorhaben als ein Beschäftigungsprogramm für die unzähligen Tausende nationalchinesischer Kriegsgefangener auffassen, denn diese sollen vorerst nicht zur Entlassung kommen. Durch eine geplante Verkürzung des „Kaiserkanals“, durch vorgesehene neuzeitliche Kanalbauarbeiten und sonstige Verbesserung soll außerdem noch erreicht werden, daß der Yü ho für noch vorzusehende Schiffskapazitäten benutzbar wird, den Frachtentransport ins Landesinnere erleichtert und die verkehrstechnisch noch schlechten Eisenbahnverbindungen entlastet. Walter Persian