Aus den Vereinigten Staaten schreiben aufrichtige Freunde Deutschlands, von Woche zu Woche mehr und mehr besorgt, über die Verschlechterung der Stimmung gegenüber der neuen deutschen Bundesrepublik, die seit einiger Zeit eingetreten ist. Wir haben allen Grund, dies ernst zu nehmen, wir können es uns gewiß nicht leisten, leichtfertig, die Gunst der stärksten westlichen Macht zu verscherzen. Man wende nicht ein, daß die Angriffe gegen Deutschland ein Teil der beginnenden Wahlkampagne in den Vereinigten Staaten seien, daß sie mithelfen sollen, Staatssekretär Acheson zu stürzen, was also nichts anderes hieße, als daß die Außenpolitik durch Motive der Innenpolitik beeinflußt werde. Gerade wir, bei denen in den letzten Monaten sooft das Schielen nach dem Beifall des Wählers oder der Partei den Ton von Äußerungen und Denkschriften über außenpolitische Themen bestimmt hat, sollten mit solchen Vorwürfen sehr vorsichtig sein. Auch geht es nicht an, die Verschlechterung der Stimmung in Amerika uns gegenüber nur dem Einfluß einer oberflächlichen und voreingenommenen Berichterstattung einiger Journalisten zuzuschreiben. Denn diese Berichte haben in den größten und angesehensten Zeitungen der USA gestanden und wären dort sicher nicht geglaubt und abgedruckt worden, wenn sie nicht einer weit verbreiteten Meinung politischer Kreise entsprochen hätten.

Gewiß sind diese Berichte, insbesondere die von Drew Middleton in der New York Times, mit einem unbekümmerten Leichtsinn und einer eminenten Fahrlässigkeit geschrieben. Nahezu alles, was dieser Reporter meldet, ist ungenau, und die Schlüsse, die er aus seinem mangelhaften Material zieht, sind meist falsch oder zumindest schief. Christopher Emmet, der bedeutende amerikanische Schriftsteller und verdienstvolle Rundfunk-Kommentator, hat sich dankenswerterweise die Mühe gemacht, die Fehler dieser Berichte einen nach dem anderen aufzuzeigen, so, um nur einiges zu erwähnen: die Ungenauigkeit der angeführten Namen, die fatale Gleichsetzung von konservativen oder bayrisch – eigenstaatlichen Ideen mit Nazitum – womit beides gewiß nichts zu tun hat – die Behauptung, die großen Industriebetriebe des Ruhrgebiets seien bereits wieder in den Händen ihrer alten Besitzer, während sie doch von Treuhändern verwaltet werden, die unter alliierter Kontrolle stehen – und anderes mehr.

Angesichts solcher Berichte nun, die uns in der öffentlichen Meinung der USA unendlich schaden, ist es nur natürlich, wenn wir fragen: Wie kommen sie zustande und auf welche böswilligen Informationen fallen die amerikanischen Korrespondenten in aller Harmlosigkeit hinein? Nun, es ist in Deutschland sehr bekannt, daß innerhalb der Besatzungsbehörden zu Anfang linksradikale, den Kommunisten nahestehende Kräfte zahlreiche und wichtige Posten besetzt hatten, Sie ihrerseits haben wieder ihre Macht – benutzt, gleichgesinnte Figuren in deutsche Gremien hineinzusetzen. Kommt ein unglücklicher ausländischer Korrespondent an einen dieser Leute, so wird er parteigemäß falsch orientiert und sofort an Ähnlichdenkende weitergereicht. So ist denn die Gefahr, von anscheinend gut informierter Seite gefälschte Informationen zu erhalten, sehr groß. Doch ist mit dieser Feststellung, obwohl sie im Tatsächlichen manches zu erhellen vermag, eines nicht geklärt: Woher nämlich kommt es, daß diese falschen Informationen derart bereitwillig geglaubt werden, daß man sie in angesehenen Zeitungen abdruckt, ohne sich die Mühe zu machen, sie näher nachzuprüfen? Offenbar traut man uns im Ausland nicht, offenbar ist man davon überzeugt, daß der Satz „Wo Rauch ist, ist auch Feuer“ wieder einmal auf uns zutrifft, offenbar hält man uns trotz unserer totalen Niederlage, trotz unserer Schwäche, trotz allen Elends, in dem so viele Deutsche leben, wieder einmal für gefährlich. Doch sollte sich hier niemand von uns verleitet fühlen, selbstgerecht und sentimental, zu sagen: Da sieht man es wieder, immer beurteilt uns das Ausland falsch. Dies wäre eine ganz verkehrte Haltung. Besser wäre es vielmehr, zu fragen, ob wir nicht an diesem falschen Urteil selbst schuld seien. Und müßte da nach gerechter Prüfung die Antwort nicht lauten: Ja, nicht in allem, aber in mancherlei Hinsicht?

Leider läßt es sich nicht vermeiden, eine ganze Reihe von Torheiten, Überheblichkeiten und falschen politischen Handlungen auf deutscher Seite zu notieren. Das fängt damit an, daß aus parteipolitischen Prestigegründen und dank den ehrgeizigen Plänen des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Bonn zur provisorischen Hauptstadt der Bundesrepublik bestimmt worden ist. Damit war festgelegt, daß alle Bundesministerien und -Verwaltungen auf kleinem Raum zusammengedrängt und mühsam untergebracht werden mußten. So sitzt einer auf dem anderen, so sieht einer den anderen mindestens einmal am Tag, und damit ist jedem Klatsch und jeder Intrige schönste Entwicklungsmöglichkeit gegeben. Daß die Regierung es für nötig hielt, den Befehl zu erlassen, kein Ministerialbeamter dürfe von sich aus Informationen geben, beweist, wie ungesund die ganze Bonner Atmosphäre ist. Trotz dieses Befehls jagt ein Dementi das andere. Wenn sich die Ministerialbeamten auch Mühe geben, zu schweigen, die Minister reden um so mehr.

Es muß zwar eine Ministerrede nicht unbedingt falsch sein. Es gibt auch Themen, über die wir gern etwas Sachliches hören würden, wie etwa über die Einsparungsmaßnahmen, die in dem aufgeblähten Bundesetat möglich sind, über die rechtlichen Grundlagen für die Erhöhung des Benzinpreises, über die Möglichkeit, die Eisenbahnverwaltung rentabel zu gestalten, über Arbeitslosigkeit und Kreditlenkung, über positive Maßnahmen zur Flüchtlingshilfe, über die Regelung der Ansprüche auf Renten und Pensionen bei den Ostflüchtlingen, den ehemaligen Reichsbeamten und Soldaten, und dergleichen gibt es noch vieles mehr. Doch hörten wir neuerdings häufig Erklärungen, daß irgend etwas unerhört sei, daß wir es uns nicht gefallen lassen könnten, und daß wir irgend etwas verlangen müßten. Und immer handelte es sich um Fragen der Außenpolitik oder des Verhältnisses zu den Besatzungsmächten, um Fragen meistens, in denen die Hohen Kommissare ein Mitbestimmungsrecht haben. Glaubt man ernstlich, es sei politisch richtig, als deutscher Minister heute einen solchen Ton anzuschlagen?

Entweder spricht man neuerdings in Bonn, als sei man beleidigt, weil uns der Bau eines unabhängigen Staates vorenthalten wird, oder man gibt Erklärungen ab, die in einem souveränen Staat nicht stolzer klingen könnten. Niemals scheint man sich offenbar die Frage zu überlegen, was eigentlich geschehen sollte, wenn man uns heute für unabhängig erklären würde, wenn die Besatzungstruppen abziehen und die Marshall-Gelder ausbleiben würden. Wir können uns gut vorstellen, wie kleinlaut dann viele Politiker werden, und wie sie alles tun würden, um auf der Flucht vor den Russen Deutschland zu verlassen. Auch ein so siegreicher Staat wie England ist heute angesichts der sowjetischen Drohung nicht mehr in dem Sinne „unabhängig“ wie früher. Um wieviel weniger sollten wir uns einbilden, es sein zu können.

Gewiß, auch in der Außenpolitik gibt es Standpunkte, auf die wir uns versteifen können, gibt es Grundsätze, auf die wir uns deutlich festlegen sollten. So wäre es sehr zu wünschen, wenn die Regierung scharf und eindeutig von all jenen Bestrebungen eitler, querköpfiger und intriganter politischer Dilettanten abrücken würde, die vage und ohne nachzudenken eine Verständigung mit dem Osten propagieren. Es wäre gut, wenn man in Bonn kategorisch erklären würde, man denke in keiner Form daran, jemals Osten und Westen gegeneinander auszuspielen, denn daß dies eines Tages geschehen könnte, wird zu Unrecht in der Welt immer noch geglaubt. In Bonn, wir glauben, dies genau zu wissen, denkt niemand daran, eine solche selbstmörderische Dummheit zu begehen, aber da das Ausland nun einmal solche Vermutungen hegt, sollte man alles tun, sie zu zerstreuen.