Von Joachim G. Leithäuser

Sokrates und Amerika? Nach einem bei uns immer noch üblichen Denkschema ist im Lande der Massenproduktionen, der Normen und der Filmoberflächlichkeit kaum ein wesentlicher Einfluß der antiken Kultur im allgemeinen oder des Sokrates im besonderen zu erwarten. Und wirklich zeigt ja die Entwicklungsgeschichte des neuen Erdteils, daß praktische, technische und politische Fragen den Vorrang vor spekulativen Problemen hatten. Doch sollte man die Dinge nicht nur so sehen. Kürzlich fragte ich einen amerikanischen Literaturkritiker, wie er die Technik des Schreibens erlernt hätte. Ich dachte dabei an jene Bücher und Kurse, mit denen man in den USA die Schriftstellern wie eine Art Kochkunst lehrt. Aber ich erhielt die unerwartete Antwort: „Durch Ciceros Ars Inventionis.“

In einem Raum der Universität Chikago sitzen Hausfrauen, Handwerker, Verkäuferinnen, Rechtsanwälte, junge und alte Menschen, zusammen und streiten sich lebhaft dauüber, ob Sokrates sich in seinem Prozeß richtig verteidigt hat und ob er zu Recht verurteilt wurde. Veranstalter und Präsident dieser Aussprachen ist Robert M. Hutchins, der Kanzler der Universität; er sorgt dafür, daß der Prozeß des Sokrates mit der gleichen Leidenschaft erörtert wird, als finde er grade heute statt. Jedes Argument ist bei dieser Debatte soviel wert, wie es im Alltag, in der praktischen Wirklichkeit wert ist. Indem diese Amerikaner Fragen wie die, ob man das Gute um seiner selbst willen tun solle, oder wie man einer Obrigkeit begegnet, die Unrecht tut, miteinander diskutieren, verpflanzen sie die alte philosophische Problematik in die Realität ihres eigenen persönlichen Daseins. Man bleibt nicht in respektvoller Betrachtung stehen, sondern rückt dem Sokrates gewissermaßen auf den Leib und untersucht und erprobt seine Ideen auf ihren Bewährungsgehalt.

Für Traditionen boten die Wälder und Prärien des amerikanischen Kontinents nicht den rechten Boden. Die Siedler, die sich unter härtesten Bedingungen eine neue Heimat erkämpften, hatten sich bewußt von ihrer alten Welt getrennt, Technik und Industrialisierung stellten an die folgenden Generationen andere Ansprüche, als sich in eine jahrtausendealte Vergangenheit zu vertiefen. Dennoch hat – und nicht etwa zufällig – bereits zu Beginn der spezifisch amerikanischen Geistesentwicklung ein sokratisches Element mitgewirkt und wurde in eine neuentstehende Tradition eingeschmolzen. Benjamin Franklin, der erste typische „Vollamerikaner“, als Denker wie als Politiker bedeutungsvoll für Entstehung und Weiterentwicklung des amerikanischen Staatswesens, hat für sich die Methode des Sokrates wiederentdeckt und sie in seiner Jugendzeit mit Freunden in einem „sokratischen Klub“ praktisch geübt. Durch solche Übung im unentwegten Fragestellen erwarb man sich eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber vorherrschenden, über womöglich auch festgefahrenen Ansichten achtbarer älterer Leute; Elastizität und Unvoreingenommenheit des Denkens bildeten sich ebenso aus wie eine gewisse demütige Scheinheiligkeit. Blieben diese sokratischen Dialoge seiner Jugend mehr eine Spielerei, die zu intellektuellem Unfug reizte, so hat später der Denker Franklin auf der Basis des Toleranzprinzips eine sokratische Lebenstechnik der Gesellschaft angestrebt: über die dogmatischen Fronten hinweg sollten das offene Gespräch und der Wille zum Verständnis der Meinung des anderen die verschiedenen Parteien zusammenführen. Als Krönung der sokratischen Gesprächsmethode bildete sich die typische amerikanische Kunst des Kompromisses aus (der nicht als Notbehelf, sondern als Grundlage gemeinsamen Handelns für Partner mit gegensätzlichen Ansichten aufgefaßt wird).

Seit Franklins Zeiten ist die Tendenz zur unvoreingenommenen Aussprache im geistigen und politischen Leben Amerikas so wirksam und alltäglich geworden, daß ihre sokratische Abstammung fast vergessen ist. Dafür ist die Empfindung um so deutlicher, daß die Geisteshaltung des Sokrates – im Gegensatz zu der des Plato – dem modernen amerikanischen Denken wesensverwandt ist. Zunächst haben die Amerikaner wohl einen schärferen Blick als wir Europäer dafür, daß das Zeitalter des Sokrates ohne entscheidende traditionelle Bindungen war. Der Historiker James Harvey Robinson schreibt in seinem Werk „The Mind in the Making“ (Deutsche Ausgabe: „Die Schule des Denkens“, Berlin 1949): „Die Hauptstärke der Griechen lag in ihrer Unabhängigkeit von hemmenden geistigen Überlieferungen. Sie hatten keine verehrten Klassiker, keine heiligen Bücher, brauchten keine toten Sprachen zu beherrschen und erkannten keine Autorität an, die ihre freien Spekulationen kontrollierten. Lord Bacon erinnert uns daran, daß sie weder ein überliefertes Wissen noch Kenntnisse von einem Altertum besaßen. Ein moderner Humanist wäre im alten Athen ein verlorener Einzelgänger gewesen; er hätte weder Bücher in einer vergessenen Sprache noch veraltete Lautregeln gehabt, um sie einer widerstrebenden Jugend aufzuzwingen. Er hätte die Alltagssprache der Sandalenmacher und Lohgerber gebrauchen müssen.“

Sokrates sprach nicht nur ihre Sprache, sondern ging von dem Erfahrungsprozeß der Schuhmacher und Handwerker, der Methode des Tatsachensammelns und Experimentierens, kurz, des technischen Prozesses, aus, um eine Wissensform zu entwickeln, die den gefühlsbetonten Glaubensnormen entgegengesetzt war. Der amerikanische Philosoph John Dewey zeigt, daß die vornehmen Schichten den konservativen Standpunkt vertraten und Sokrates zum Tode verurteilt wurde, weil er (geistig und methodologisch, nicht etwa sozialpolitisch) auf Seiten der verachteten Handwerker stand: Er ging an die philosophischen Probleme höchst unorthodox von der Seite des Tatsachenwissens aus heran.

Sokrates, der experimentierende Denker, ist diejenige Gestalt der Antike, der sich das moderne Amerika am nächsten verwandt fühlt.