Oldenburg, Ende Januar

Sigmund Griff? An diesen Namen wird sich wohl noch mancher deutsche Autor mit entsprechenden Gefühlen erinnern von der Zeit her, Herr Graff vom Propagandaministerium aus eine rigorose Zensur ausübte währere er selbst es nicht verschmähte, das Stück eines jüdischen Dichters („Pumanerin“). ein wenig umfrisiert, als eigenes Werk zu starten... Nun ist also auch er wieder da, und Intendant Dr. Gerd Briese, der mit seinem Opernensemble vor einer Argentinien Tournee steht, öffnete seinen Staatstheatervorhang für Graffs im Goethe-Geburtstags-Monat vollendetes Stück „Hirschgraben und Kornmarkt“. Man fragt bereits nach drei Szenen? warum? Wem in dieser Reminiszenz an das Goethe-Jahr gedient? Dem Theater? Der Jugend? Dem Dichter? Ist schon die Dialogisierung eines willkürlich beim Zopfe gepackten Lebensabschnittes fragwürdig – in Oldenburg verbandder langweilen Banalität ein Brausekopf-Goethe mit Egmont-Rezitation bei einem fürchterlichen Provinzsonnenuntergang –,wirkt ein nichtssagender Text mit philosophischen Randbemerkurzen über das Verhältnis Johann Wolfgang – Lili, Italienreise, Weimer und Goethes Werke (mit philologischem Zeigefinger) doppelt peinlich, Nachhilfeunterricht in „Dichtung und Wahrheit“? Geweiß, der Autor las gewissenhaft seinen Goethe, zu gewissenhaft, um aus dem epischen Stoff eine Komödie zu schneidern. Der dramatische Ansatzpunkt fehlt völlig. Lockere Witzchen sächselnde Reitknechte und Frankfurterisch plaudernde Oldenburger – eine Viertelstunde allein über die galoniertenRöcke – machen noch kein Theaterstück aus. Oft sah es nach Jux aus, so erwärmte sich das Plüschparkett.

Rudolf Sangs Inszenierung klebte an dem papiernen Text und den Gemeinplätzen der Alltagssprache. Die Möglichkeit einer Persiflage‚ einer Parodie wurde übersehen. Conrad Reiter