Von unserem Londoner Korrespondenten Edgar Gerwin Naturgummi ist für den Sterlingblock der wichtigste Dollarverdiener. Seine Gewinnung ist zudem das wirtschaftliche Rückgrat bedeutender Gebiete in Südostasien; sowohl die Unruhen in Malaya als auch die Geburtswehen des selbständigen Indonesiens sind wirtschaftlich eng mit den Absatzschwierigkeiten für Naturgummi, die der Kommunismus als einen Hebelarm zum Aufruhr zu nutzen trachtet, verbunden. – Mit der Notwendigkeit, mit Hilfe günstigen Gummiabsatzes auf den kalten Krieg in Asien einzuwirken, sind jedoch die Schwierigkeiten noch nicht erschöpft. An der „zweiten Front“ hat Naturgummi den Wettbewerb, mit dem synthetischen Kautschuk in den USA zu bestehen. Für den Augenblick scheint zwar ein Gleichgewicht erreicht zu sein. In den britisch-amerikanischen Besprechungen, die im September im Vorwissen um die Abwertung stattfanden, wurde auf amerikanischer Seite die Dringlichkeit ausreichender Gummikäufe der USA zur Erhaltung der Prosperität in Südostasien anerkannt. Die Auswirkungen dieser wirtschaftlichen Gespräche mit hochpolitischem Hintergrund auf den Gummiabsatz, unterstützt durch den Wirtschaftsaufschwung in den USA und durch die höheren Sterlingpreise für Gummi seit der Abwertung, haben viel dazu beigetragen, diesen Hebel des Kommunismus in Südostasien vorerst lahmzulegen.

Doch der kalte Kampf zwischen natürlichem und künstlichem Gummi geht weiter. Präsident Truman hat dem Kongreß ein Zehnjahresprogramm für die synthetische Erzeugung vorgelegt. In ihm wird aus strategischen Gründen die Aufrechterhaltung einer sehr erheblichen Kapazität zur synthetischen Erzeugung in den USA befürwortet. Zwar will man nicht die gesamte Kapazität in Friedenszeiten in Tätigkeit sehen, aber Truman glaubt für die Zeit nach Ablauf der gesetzlichen Vorschriften über die zwangsweise Verwendung von synthetischem Kautschuk in den USA am 30. Juni 1950 Vorsorge treffen zu müssen. Er weiß, daß ständig, ein Viertel des amerikanischen Gummiverbrauchs auf das synthetische Produkt entfällt. Das entspricht fast den bisherigen Verpachtungen. Noch bedenklicher ist es, daß die amerikanischen Verarbeitet Bisher freiwillig sehr viel mehr als die Mindestquote an synthetischem Kautschuk verarbeitet haben. Noch 1949 entfielen aus einem auf 0,98 (1,07 im Vorjahr) Mill. t zurückgegangenen Verbrauch noch 412 500 t auf das industrielle Produkt. Alle Berichte aus den USA stimmen darin überein, daß selbst in den letzten Monaten, nach der ausdrücklichen Lockerung der Verwendungsvorschriften für das heimische Erzeugnis, nur eine sehr langsame Umschaltung in der gummiverarbeitenden Industrie einschließlich dem wichtigsten Verbraucher, der Reifenindustrie, erfolgt.

Woran liegt das? Ein amerikanischer Fachmann gab die Antwort von der technischen Seite her: Das Naturprodukt könne deshalb den Vergleich mit dem synthetischen Erzeugnis so schlecht aushalten, weil es doppelt so große Schwankungen in seinen physikalischen und chemischen Eigenschaften aufweise wie das Kunstprodukt, weil längst nicht so viel Forschung auf die Verbesserung des Naturgummis wie auf die-Entwicklung der „künstlichen“ Konkurrenz verwendet werde und weil die Absatzmethoden für das Naturpredigt in den USA so altmodisch seien wie die Arche Noah. Der Fachmann, konnte diese schweren Vorwürfe mit um so größerem Recht erheben, als sich im vergangenen Jahre ein neues „Kaltverfahren“, eine Herstellung von synthetischem Kautschuk bei sehr viel niedrigeren Temperaturen als bisher in den USA mit weiteren Qualitätserhöhungen für das synthetische Produkt eingeführt hat. Da außerdem seit einiger Zeit die Produktionskosten dem Preis für das Naturprodukt nahezu gleichgestellt sind, muß jede Verbesserung (wie jetzt das Kaltverfahren, in dem im ersten Jahre 180 000 t erzeugt werden sollen) eine ernste Herausforderung für die Plantagegesellschaften bedeuten.

Man hat diese Herausforderung angenommen. Kürzlich ist ein „Fünfjahresplan“ für die Verbesserung des Anbaus und der Erträge, sowie für die Erforschung, der Qualitäten und Verwendungsmöglichkeiten vom British Rubber Development Board mit einem Aufwand von 3 Mill. £ angekündigt worden. Außerdem will man dem Absatzproblem in den USA mit einem besonderen Feldzug zuleibe rücken, wofür-360 000 £ aufgebracht werden sollen. Man ist recht zuversichtlich. Vor allem verweist man auf zwei hoffnungsvolle Gebiete, auf das „Gummi-Pulver“, das als Straßenbau-Stoff dem Asphalt in den kommenden Jahren erhebliche Konkurrenz machen soll, und auf den „Gummi Schaum“, der das Tapeziergewerbe völlig revolutionieren soll. In der Tat ist in den USA „Latex“, der zu einem porösen Material verarbeitete Saft des Gummibaums, zu einem sehr wichtigen Material für bequeme Sitzgelegenheiten geworden. Auch Matratzen aus „Latex“ sind an Markt. Wird aber „Latex“ auf Naturgummi beschränkt bleiben?

Nun, schon mit einer allgemeinen Steigerung des Gummiverbrauchs kann den Gunmiproduzenten gedient sein. Im vergangenen Jahre haben sich Welterzeugung von Naturgummi mit 1,46 und Weltverbrauch mit 1,42 Mill. t ziemlich die Waage gehalten, wenn auch nur infolge Produktionsrückganges in Indonesien. Die USA nahmen dabei rund 570 000 t und die Sowjetunion rund 100 000 t ab. In diesem Jahre muß man mit einer Produktionserhöhung rechnen, die wahrscheinlich die zu erwartenden Verbrauchserhöhungen übertreffen dürfte, so daß man sich für den Absatz der verbleibenden Spanne auf die strategische Reservenbildung hüben und drüben verlassen muß.