Im Auftrag der Wirtschaftspolitischen Gesellschaft von 1947 ist soeben vom Institut für Demoskopie, Allensbach am Bodensee, Rudolf-Zeller-Straße 8, eine eingehende Durchleuchtung der psychologischen und politischen Verfassung des deutschen Volkes vorgenommen worden, 2000 Personen, die nach Einkommen, sozialem Stand, politischer Ausrichtung und Alter repräsentativ für die entsprechenden Gruppen im westdeutschen Bundesgebiet sind, wurden von 400 Zuverlässigen Beobachtern gefragt. Nicht an Hand von Fragebogen, sondern in einem ausführlichen Interview, so daß die gestellten Fragen nicht nur mit „Ja“ oder „Nein“, sondern mit individuellen Kommentaren beantwortet wurden. Ein kluger Interpret hat dann mit der Behutsamkeit und Wachheit eines guten Arztes den Text zu der Auswertung jenes umfangreichen Materials geschrieben,

Es ist ganz einfach aufregend, diese Analyse zu studieren, die den so ungreifbaren, anonymen Begriff: Volk in einen überschaubaren Mikrokosmos verwandelt. Es werden über ihn nicht generalisierende subjektiv gefärbte Aussagen eines Dritten gemacht, sondern er meldet sich selber in vielen persönlichen Stimmen zum Wort. Es sind Arbeiter, Bauersfrauen, Beamte, Invaliden, junge Menschen und alte, Rentenempfänger und Leute mit hohen Einkommen, die ihre Ansicht äußern. Sie sagen kluge und dumme Dinge. Sind manchmal hochmütig oder mißtrauisch in ihren Argumenten, oft einsichtig und voll guten Willens, oft desillusioniert und verstockt – ein chaotisch buntes Gemisch, ein getreues Abbild der deutschen Wirklichkeit.

Von den Befragten gaben 20 v. H. an, sich nicht an den Bundestagswahlen im September 1949 beteiligt zu haben. Ein Prozentsatz, der fast genau der damaligen Wahlbeteiligung entsprach. Die stärksten Kontingente der Nichtwähler stellen die Personen mit einem Monatseinkommen unter DM 50,–, sowie die Frauen, die ganz allgemein pessimistischer sind als die Männer, und die Altersgruppen unter 30 Jahren. Diese Nichtwähler, ein Fünftel der Bevölkerung, zeigen bei allen Fragen eine ausgesprochene Passivität, die fcuweilen in deutliche Opposition übergeht.

Als Probe auf Vitalität und Selbstbewußtsein wurde die Frage gestellt: „Glauben Sie, daß Deutschland noch eine politische Zukunft hat?“ Nur 17 v. H. antworteten mit „Nein“, 61 v. H. mit „ja“, „Wir sind vieler Provinzen beraubt, Krieg und Demontage nagen an der Industrie, wir sind an vier Herren verkauft“, sagt eine Invalidenfrau. Die Nein-Stimmen sind gewöhnlich viel aggressiver und schroffer in ihren Kommentaren als die positiv Eingestellten; häufig finden sich Anspielungen und auch massive Anschuldigungen gegen die Besatzungsmächte. Nicht nur ein politisches, sondern fast ein persönliches Bekenntnis verlangt die Frage: „Halten Sie es für richtiger, daß die Deutschen von sich aus den Versuch unternehmen, ein für alle Mal ein friedliches Verhältnis zu den übrigen Völkern herzustellen, oder meinen Sie, wir sollten die Initiative den anderen überlassen?“ Die überwiegende Mehrheit, nämlich 64 v. H., ist für deutsche Initiative, teils mit tiefgründigen Argumenten, teils mit ganz simplen Begründungen: „Ja, die sollen sehen, daß wir den Krieg dicke haben“, meint ein Knecht. „Wir tragen die Schuld am Krieg, wir müssen nun alles versuchen, die Sache wieder’gutzumachen“, sagt ein Monteur.

Wenn die Frage nach der politischen Zukunft Deutschlands erstaunlich positiv beantwortet wurde, so ist die Einstellung zu den ökonomischen Möglichkeiten der Zukunft sehr viel pessimistischer: „Halten Sie es für möglich, daß auf der Welt und also auch in Deutschland ein wirtschaftlichen Zustand erreicht wird, unter dem alle, also auch die Besitzlosen, ohne Not leben?“ Nur 31 v. H. antworteten mit „ja“, 38 v. H. halten es für ausgeschlossen und 23 v. H. meinen, es sei vielleicht möglich. Die negativen Begründungen zeigen eine sehr deutliche Absage an alle revolutionären und reformatorischen Illusionen und wirken wie ein Strich unter die Naivität der Vergangenheit Erstaunlich ist die Tatsache, daß auch die marxistischen Parteien, die noch vor zwei Jahrzehnten diese Frage überwiegend mit „ja“ beantwortet hätten, sich sehr skeptisch verhalten – 28 v. H. der SPD und 19 v. H. der Kommunisten sagen „Nein“.

Recht aufschlußreich ist die Frage: „Denken Sie, daß ein wirtschaftlich gerechter Zustand dadurch wiederhergestellt werden kann, daß man das derzeitige Volkseinkommen neu verteilt oder halten Sie eine Vergrößerung des Volkseinkommens für notwendig?“ Während 20 v. H. einen gerechten Zustand überhaupt für unerreichbar halten, sprechen sich 22 v. H. für Neuverteilung, aber 43 v. H. für Vergrößerung aus. Hierbei ist besonders bemerkenswert, daß ein Drittel der SPD- und KPD-Anhänger ebenfalls für Vergrößerung stimmen. Insgesamt sind 65 v. H. aller derjenigen, die für Vergrößerung stimmten, für private Initiative.

Die Auseinandersetzung um Doktrin, System und Weltanschauung interessiert nur eine sehr kleine Gruppe, die Majorität ist hier nur am Rande interessiert. Die sozialen Forderungen werden zwar angemeldet, aber sie erzeugen keine breite klassenkämpferische Mentalität, Vielleicht liegt das an dem allgemeinen Notstand und der Zerstörung vieler großer Vermögen. Klassenkämpfe brechen offenbar nur aus, wenn das Streitobjekt sich lohnt. Auffallend ist es, daß die Abneigung der bürgerlichen Gruppen gegen die Sozialisierung geschlossener ist als die Ablehnung der Privatinitiative durch die Sozialisten und Kommunisten. Dies hängt zweifellos damit zusammen, daß die Deutschen, die mit Utopien und Hoffnungen bis zum Überdruß erst gefüttert und dann betrogen wurden, sehr skeptisch geworden sind. Überhaupt spielt das Mißtrauen, nicht nur gegen die Besatzungsmacht, sondern vor allem auch gegen die eigenen Leute eine große Rolle. Sehr groß ist beispielsweise die Sorge, daß in Deutschland mit zunehmender Befreiung von ausländischer Herrschaft radikale Strömungen stärkeren Einfluß gewinnen könnten. Sehr spürbar ist ferner die Furcht, der Staat, einst der Gott des deutschen Volkes, könnte wieder allzuviel Macht bekommen. Nur 23 v. H. halten die Verstärkung des staatlichen Einflusses im Zuge der Sozialisierung für einen Vorteil, Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß die Skepsis gegenüber der Sozialisierung eben aus jenem Mißtrauen gegen die Macht des Staates erwächst.