Von unserem Bonner Korrespondenten Robert Strobel

Bonn, Anfang Februar

Das Wohnungsbauprogramm der Regierung hält sich in einem zeitlich eng, finanziell vorsichtig abgesteckten Rahmen. Im Gegensatz zu dem Gesetzentwurf der sozial demokratischen Bundestagsfraktion, der ein Programm für sechs Jahre vorsieht, stellt Wildermuth seine Rechnung zunächst nur auf das eine, vor uns liegende Jahr, ab. Er schätzt, daß aus öffentlichen und privaten Mitteln im Jahre 1950 etwa 250 000 Wohnungen gebaut werden dürften. Das wären um 50 000 oder 25 v. H. mehr als im Vorjahr, das den bisher umfangreichsten Wohnungbau seit dem ersten Weltkrieg zu verzeichnen hatte. (Im Jahr 1928, dem Jahr mit dem größten Wohnungsbau zwischen den beiden Weltkriegen wurden im heutigen Bundesgebiet rund. 197 000 Wohnungen fertiggestellt.)

Wildermuth berechnet den Kostenaufwand seines Bauprogramms auf zweieinhalb Milliarden DM. Sie sollen folgendermaßen aufgebracht werden: 800 bis 850 Millionen durch hypothekarische Darlehen der Sparkassen, privaten und öffentlich-rechtlichen Pfandbriefinstitute, Lebensversicherungsgesellschaften, Bausparkassen. Maßgebende Vertreter der Realkreditinstitute bezeichneten diese Schätzungen als vorsichtig. 500 Millionen DM dürften aus der sogenannten Restfinanzierung kommen (Eigenkapital der Bauherren, Mieter- und Arbeitgeberzuschüsse). Aus öffentlichen Mittels werden folgende Beträge erwartet: 250 Millionen aus dem Gegenwert-Fonds, die uns zweckgebunden zugesagt sind; 300 Millionen aus den Rückflüssen der Umstellungsgrundschulden, 100 Millionen aus der Soforthilfe, 400 Millionen aus Haushaltsmitteln der Länder und Gemeinden und 300 bis 400 Millionen aus dem Münzgewinn, der dem Bund durch die Ausgabe von Scheidemünzen zufallen wird. Es ist also noch eine Reserve von 250 bis 300 Millionen DM einkalkuliert. Möglicherweise ist außerdem mit einer weiteren Reserve von 250 Millionen DM aus Gegenwerten für die zweite Hälfte des Jahres zu rechnen. Verhandlungen darüber sind im Gange. Das Vorjahr ergibt folgende Vergleichbasis: Gesamtaufwand zwei Milliarden, davon mindestens die Hälfte, also rund eine Milliarde aus Haushaltsmitteln der Länder und Gemeinden, Umstellungsgrundschulden und der Soforthilfe. Die verschlechterte Finanzlage ist also in den Schätzungen für 1950 berücksichtigt.

Auch die technischen Voraussetzungen für die Erfüllung das Bauprogramms dürfen als günstig bezeichnet werden: Im vorigen Jahr waren im Baugewerbe und in den Bauneben bewerben 1,14 Millionen Arbeitnehmer beschäftigt. Im Jahre 1950 wird man schätzungsweise 1,3 bis 1,4 Millionen brauchen. In der Zahl von 1,14 Millionen sind aber (außer den selbständig Erwerbstätigen) die nach mehreren Hunderttausenden zählenden Ausbauhandwerker der verschiedenen Branchen nicht berücksichtigt. In den 1,14 Millionen sind 777 000 gelernte Bauarbeiter enthalten, die Ende September 1949 beschäftigt waren. Am Ende der Bausaison waren 55 000 gelernte Bauarbeiter arbeitslos und außerdem 43 000 Bauhilfsarbeiter. Aus dieser Reserve kann der Mehrbedarf an Arbeitskräften für den zusätzlich geplanten Wohnungsbau gedeckt werden, zumal da bei den mechanisierten Baumethoden vielfach Hilfsarbeiter an Stelle von gelernten Bauarbeitern eingesetzt werden können.

Nun zur Lage auf dem Baustoffmarkt: Die Produktion von Baustoffen hat im vorigen Jahr 85 v. H. des Standes von 1936 erreicht. Die Zementerzeugung ist mit 8 1/2 Millionen Tonnen sogar auf der vollen Produktionshöhe von 1936 angelangt und hat die von 1928 (nicht ganz 6.7 Millionen Tonnen) erheblich überschritten. Die Zementindustrie hat durch den Krieg nur ein Zehntel ihrer Kapazität eingebüßt. Auch die anderen Baustoffindustrien sind von den Kriegsschaden im allgemeinen verschont geblieben. Diese Industrien, enthalten noch beträchtliche Kapazitätsreserven, vorausgesetzt, daß sie ausreichend mit Kohle beliefert werden.

Eine der schwierigsten Fragen des Wohnbauprogramms ist die richtige Disposition der Finanzierungsmittel. Der Wohnungsbedarf ist bekanntlich länder- und gebietsweise sehr verschieden. Die Umsiedlung der Flüchtlinge in Gebiete, wo für sie Arbeitsplätze vorhanden wären, stoßt meistens, auf die Schwierigkeit des Wohnungsmangels Es wird also darauf ankommen, im Zuge einer weitsichtigen Wirtschaftspolitik den Wohnungsbau mit dem Umsiedlungsprogramm und den Beschäftigungsmöglichkeiten abzustimmen. Über diese Frage schweben zur Zeit Verhandlungen, in denen sich leider wieder starke partikularistische Interessen durchzusetzen versuchen. Es ist an die Bildung eines Dispositionsfonds gedacht, der sich aus den Gegenwertmitteln, der für den Wohnungsbau bereitzustellenden Soforthilfe, dem Münzgewinn und zum Teil aus Rückflüssen der Umstellungsgrundschulden zusammensetzen soll.