Wir beschließen mit diesem Aufsatz zum Thema der gesetzlichen Rentenversicherung die Artikelreihe von Dr. Sachs (Düsseldorf), die unter den Titeln „Sanierung der Rentenversicherung“ begonnen und „Auch hier rationieren!“ fortgesetzt wurde,

Die gegenwärtige Lage der gesetzlichen Rentenversicherung ist nicht nur ein soziales und politisches Problem, sie ist auch ein wirtschaftliches. Im Jahre 1938. also in einem immerhin unbefriedigenden Zustand, konnte die gesetzliche Rentenversicherung noch über eine Milliarde RM Überschuß der Einnahmen über die Ausgaben verzeichnen; mit diesem Betrage trug sie zur Kapitalbildung bei. Bedenkt man, daß von der Sozialversicherung angesichts der Wirtschaftsstruktur unseres Landes beim Bundesgebiet ein erheblich größerer Teil verblieben sein muß, als es der Bevölkerungsverteilung entspricht, und daß seit 1938 auch die durchschnittlichen Bezüge sich kräftig nach oben entwickelt haben, so wird man annehmen dürfen, daß bei einem gleichen technischen Zustand wie 1938 die gesetzliche Rentenversicherung auf dem Bundesgebiet unter den heutigen Verhältnissen einen praktisch gleichen Betrag zur Kapitalbildung beigetragen hätte. Heute ist der Überschuß praktisch verschwunden.

Das ist aber nur die eine Seite der Wirkung auf die Kapitalbildung, denn nicht nur durch die Anstalten, sondern auch durch ihre Versicherten wird die Entwicklung beeinflußt. Diese müssen heute (zusammen mit ihren Arbeitgebern) um rund 80 v. H mehr an Beiträgen aufbringen, als sich aus dem Zustand 1938 ergeben hätte, Das sind fürs Jahr schätzungsweise 1 1/2 Milliarden DM. Es ist klar, daß diese Summe im wesentlichen auf Kosten der Kapitalbildung aufgebracht wird Die Zahlen sind zwar nur ein roher Überschlag; auch hätte die Wirkung der Staatszuschüsse noch mit in Rechnung gestellt werden müssen –, aber gleichwohl ist ziemlich klar, daß allein die Katastrophe der gesetzlichen Rentenversicherung, verglichen mit 1938, die Kapitalbildung in Westdeutschland um schätzungsweise 2 Mrd. DM jährlich vermindert,

Vielleicht die schlimmste Wirkung der augenblicklichen Lage der Sozialversicherung (und ihrer völligen Verkennung in der Öffentlichkeit!) ist, daß der Gedanke an eine Altersversorgung ohne Kapitalbildung, also auf Kosten der Zukunft statt aus eigeren Ersparnissen, begreiflicherweise Schule macht. Die Öffentlichkeit sieht ja vorläufig nur, daß die Sozialversicherung ihre Renten weiterzahlt; sie wird sich noch längere Zeit nicht darüber im klaren sein, wie bittere Opfer die Aufrechterhaltung dieser Leistungen von jedem Steuerzahler verlangen wird. Infolgedessen beschäftigen sich zur Zeit verschiedene Berufsstände mit dem Gedanken, sich der Sozialversicherung anzuschließen oder sozialversicherungsähnliche berufsständische Zwangsversicherungsanstalten ins Leben zu rufen. Daß auch die bereits bestehenden Anstalten gleicher Art sich vor Problemen befinden, die von den oben geschilderten der Sozialversicherung nur durch ihre geringere Größenordnung verschieden sind, ist den Initiatoren derartiger Ideen offenbar noch nicht klar,

Ob Sparkassen, Hypothekenbanken, Lebensversicherungsunternehmen größere oder geringere Beträge an Kapital anzulegen vermögen, das mag, privatwirtschaftlich betrachtet, den einzelnen Angehörigen unseres Volkes gleichgültig sein. Es ist aber nicht gleichgültig, daß bei uns eine Entwicklung vor sich geht, die die gesamte Kapitalbildung schon jetzt auf einen Bruchteil ihres früheren Umfanges herabgedrückt hat und immer noch stärker beeinträchtigt, Man kann sehr verschiedener Ansicht darüber sein, ob eine starke Kapitalbildung innerhalb der Sozialversicherung so sehr erwünscht ist; daß sie aber außerhalb derselben stattfinden muß und nicht durch ihren Aufbau verhindert werden darf, darüber besteht wohl kein Zweifel. Wenn nicht hohe Staatszuschüsse auch den Sozialversicherten die eigene Kapitalbildung wieder möglich machen, dann wird nur der Weg noch frei sein, diejenigen vom Sozialversicherungszwang freizustellen, die nachweislich selbst durch Kapitalbildung irgendeiner Form für ihre eigene Versorgung das nötige tun.