Von Ernst Beutler

Thornton Wilder hat soeben die Tantiemenaus der Dramatisierung seines Romans „The bridge of St. Luis Rey“ dem Freien Deutschen Hochstift für den Aufbau des Goethe-Hauses überwiesen. Als die Arbeiten begannen, am 5. Juli 1947, hatte André Gide die weihenden Hammerschläge vollzogen. Wie sehr man also auch jenseits der Grenzen, ja, wie sehr eben die Welt in dem Haus am Hirschgraben ein Symbol deutschen Geistes sieht – kann das eindringlicher zum Ausdruck gebracht werden? Heute steht das Haus, im Rohbau fast vollendet und erhält soeben die letzte Beschieferung des Daches.

Der gesamte Inhalt des alten Goethe-Hauses ist gerettet, alle Möbel und Bücher, Bilder und Silhouetten, alle Gerätschaften, Steinzeug und Porzellan der Küche, alles ist erhalten. Was hätte man anders machen können, als dem alten Inhalt wieder den entsprechenden Rahmen zu schaffen? Ein modernes Museum bauen und dann die einzelnen Gegenstände vor eine weiße Wand stellen mit der Aufschrift: diese Kommode stand einst in Goethes Vaterhaus im linken Zimmer des Erdgeschosses zwischen den Fenstern, dieser Stuhl im Dichterzimmer rechts der Tür dieses Bild hing im Arbeitszimmer des Vaters neben dem Erker? – Eine solche Lösung hätte keinen befriedigen können. Niemand hat sie ernstlich vorgeschlagen. Denn dazu haben alle diese Gegenstände viel zu wenig künstlerischen Eigenwert. Auch das Haus selbst war ja kein Architekturdenkmal. Es ist, in Hinblick auf seinen Inhalt, ein Gebrauchsgegenstand, den man braucht, um das, was gerettet ist, so zur Geltung zu bringen, daß es, soweit möglich, wieder so wirkt, wie es einst gewirkt hat.

Goethe hat einmal gesagt, selbst wenn man mit verbundenen Augen durch harmonische Räume geführt würde, die Raumverhältnisse müßten beglücken. Das ist wohl überspitzt, indes er meinte, nicht im Stoff, sondern in den schönen Maßen liege das Geheimnis. Und eben diese kann man wieder herstellen. Das Raumgefühl und der optische Eindruck, das ist das, was wir – wie die Dinge in Deutschland einmal liegen – erreichen können. Was alt ist, wird alt wirken, was neu ist, wird neu wirken; und der Beschauer mag sich dann damit trösten, daß Goethes Kindheit sich auch nicht in einem alten Hause, sondern in einem Neubau abgespielt hat. Übrigens hat Goethe selber über alle diese Fragen nicht so streitsüchtig grundsätzlich gedacht, wie uns das heute im Blute liegt. Dafür ließe sich viel anführen; nur ein Wort sei erwähnt: so erzählt er von Vicenza unter dem 22. September 1786: „Heute früh war ich in Tiene, das nordwärts gegen die Gebirge liegt, wo ein neu Gebäude nach einem alten Risse aufgeführt wird, wobei wenig zu erinnern sein möchte. So ehrt man hier alles aus der guten Zeit und hat Sinn genug, nach einem geerbten Plan ein frisches Gebäude aufzuführen.“

Das eigentlichste Anliegen aber, das das Hochstift bei seinem Vorgehen bestimmt, hat niemand so treffend formuliert wie Hermann Hesse. Er schrieb unter dem 30. März 1947: „Vielleicht ist die Zahl der Menschen, in Deutschland wie außerhalb, heute noch nicht so sehr groß, welche vorauszusehen vermögen, als welch vitaler Verlust, als welch trauriger Krankheitsherd sich die Zerstörung der historischen Stätten erweisen wird. Es ist damit nicht nur ein großes, edles Gut vernichtet, eine Menge hoher Werte an Tradition, an Schönheit, an Objekten der Liebe und Pietät zerstört: es ist auch die bildende und durch Bilder erziehende Umwelt der künftigen Geschlechter, und damit die Seelenwelt dieser Nachkommen, eines unersetzlichen Erziehungs- und Stärkungsmittels, einer Substanz beraubt, ohne welche der Mensch zwar zur Not leben, aber nur ein hundertfach beschnittenes, verkümmertes Leben führen kann. Darum begrüße ich Ihren Plan und wünsche ihm von Herzen Gelingen.“

Und so tut man also in Frankfurt etwas Ähnliches wie die Hamburger getan haben, als sie vor rund einem halben Jahrhundert den „Groten Michel“ nach der Feuersbrunst wieder errichteten und was die Venezianer taten, als sie den Markusturm wiederaufbauten.

Wichtiger als das Symbol aber ist die geistige Welt, für die das Symbol steht. Und da hat uns das Jahr 1949 eine merkwürdige Lehre gegeben. In Deutschland wurden Fragen laut, was Goethe uns noch bedeute. Im Ausland stellte man fest, es scheine eine Zeit im Nahen zu sein, die den Dichter vielleicht verstehen lerne. Und das ist freilich wahr: was man in Deutschland bisher verehrt hat, war nicht Goethe, sondern das Goethebild, und dieses wechselte mit jeder Generation, die sich jeweils für ihre Bedürfnisse in dem Dichter einen Schwurzeugen suchte.