Es sind zu wenig Zeugen unter uns, die aus eigner Anschauung wissen, wie es um die Ballettkunst im heutigen Rußland bestellt ist. Soviel man hört, ist sie noch auf der gleichen Höhe von einst, und es scheint, daß wir es nicht bezweifeln sollten, obwohl der große russische Erneuerer der Ballettkunst, Diaghilew, außer Landes ging und das künstlerische Erbe Petipas und Fokins mit sich nahm. Die Diaghilew-Truppe, für die Strawinski; seine Ballett-Musiken schrieb, hat dann die ganze westliche Welt beglückt. Als Diaghilew aber 1929 starb, geschah das Unglück, daß seine Künstler auseinanderliefen. Viele fanden sich im Ballett des Theaters von Monte Carlo wieder zusammen; es ist die Truppe, für die Hindemith die Nobilissima Visione schrieb. Jahr für Jahr feiert das Grand Ballett de Monte Carlo in Paris Triumphe, Immer noch das beste klassische Ballett der Welt? Man wird es sagen dürfen, vorausgesetzt vielleicht, daß man sich um die Ballettkunst im heutigen Rußland nicht kümmert. Kenner sagen, sie sei groß wie eh und je.

Soeben ist das Monte-Carlo-Ballett in Hamburg gewesen. Und wie es bei derlei Veranstaltungen stets zu sein pflegt, saßen unter den Gästen im Deutschen Schauspielhaus viele passionierte Zuschauer, die von fünf Abenden keinen missen wollten. Die Primaballerina in Tschaikowskijs „Schwanensee“ war freilich keine Russin, sondern eine Amerikanerin (Rosella Hightower), und dachte man nicht an die Pawlowa, so hatte man Grund, von ihr entzückt zu sein. Ihr Partner Andre Eglevsky war ein ihr ebenbürtiger Künstler, doch mußte man sich hüten, dabei an den grofen armen Nijinski zu denken. Die Choreographie jedoch war gewiß so rein erhalten wie Marius Petipa und Leon Ivanoff sie einst hinterlassen haben. Und Tschaikowskijs Musik? Nun, es macht sich heute mehr- und mehr das Unbehagen um seine Melodien breit, aber was seine Ballett-Musiken angeht, so muß man doch sagen, daß sie das sind, was das Theater braucht: rhythmisch enerviert und stets voller Poesie.

Bezaubernd war der Pas de Quatre, jene Tanzfolge, die der Ballettmeister Anton Dolin nach Stichen aus dem 19. Jahrhundert und nach zeitgenössischen Kritiken um die Gestalten der vier damals größten Ballerinen geschaffen hat. Dieser Tanz zu viert wirkte wie eine graziöse Rekonstruktion, zumal ein Glückszufall die alte Partitur des Komponisten Cesare Pugni hatte finden lassen, und dies ausgerechnet in den Archiven des Britischen Museums. – Nach Bellinis Musik entstand La Somnambule, eine Ballett-Pantomime von George Balanchine, ganz von französischem Geiste erfüllt: Eine schlafwandelnde Schöne (Ethery Pagava), ein rauschendes Fest, durchglüht von jener kalten Dämonie, die der Spitzentanz dann auszustrahlen vermag, wenn er an die starre Beweglichkeit von Puppen erinnert, endlich ein echter Theatermord, in dem der Dolch noch seine schauerliche Rolle spielt – das alles war unheimliche Stilisierung und Quelle echter Erschütterung.

Das „Klassische Ballett“ von William Dollar zu Chopins f-moll-Konzert mußte hingegen problematisch erscheinen, obwohl gerade hier das Corps du Ballet sich überbot an exzellent, ausgeführten tänzerischen Exerzitien, wie man sie in solcher Vollendung in Deutschland wohl kaum jemals sah, es sei denn vielleicht unter Max Terpis an der Berliner Oper. Jedoch – entweder ist ein Chopinsches Konzert in die Ausdrucksmöglichkeiten eines Balletts rächt zu übersetzen, oder es trifft jenes Orchester die Schuld, das diese Tanztruppe während ihres Gastspiels zu Hamburg mehr schlecht als recht begleitete. Zu wenig Proben? Das mag sein. Es waren nicht die Hamburger Philharmoniker, die sich hier blamierten. Unverzeihlich, daß man sie nicht herangezogen hat! Für diese Tänzer wäre das beste zur Verfügung stehende Orchester gerade gut genug gewesen. So wäre höflich gehandelt worden an diesen Gästen, die es ehrt, daß sie „auch so“ beglückten, Josef Marein