Wilhelm Fränger gehört zu einer sehr deutsehenGelehrtengruppe, die in dem Geheimnis, das jedes Kunstwerk seiner Natur nach umgibt, einen unmittelbaren Hinweis auf Geheimlehren zu entdecken glaubt. So hat er sich mit sektierischer Intensität an die Deutung der seltsamen großen Altarwerke von Hieronymus Bosch gemacht (Hieronymus Bosch. Das Tausendjährige Reich, Winkler-Verlag, Koburg). Das Buch behandelt das bisher als „Paradies der Lüste“ bezeichnete große Altarwerk im Prado. Das Werk stellt auf dem linken Flügel die Erschaffung Evas im Garten Eden dar, rechts die Hölle, die große Mitteltafel zeigt ein erregtes Getrubel nackter Menschen beiderlei Geschlechts in einer paradiesischen Landschaft, die in seltsamen und durchaus erotischen Konfigurationen festlich das Bild durchwandern. Seltsame Tiere und noch seltsamere Pflanzen, phallische Symbole und hermetische Bilder, all dies erweckt den Eindruck, als solle da irgendein dionysischer Mysterienkult der heidnischen Antike unter ständigem Hinweis auf eine im Sexuellen wurzelnde Ethik in einem großen Bildergleichnis vorgeführt werden. Es läßt sich kaum annehmen, daß derartige Darstellungen auf kirchlichen Altären Aufstellung fanden. Fränger glaubt die Lösung in der Annahme zu finden, daß der Auftraggeber eben nicht die Kirche war, sondern eine der zahlreichen vorreformatorischen Kultgemeinschaften, deren ketzerisches Gedankengut sich in diesem Bildergleichnis sammelt. Aus sehr verschwommenen Quellen rekonstruiert er eine christliche Parteiung, die dem Kult Adams huldigt und die tatsächlich aus der dem Mittelalter geläufigen Vorstellung der Aufeinanderfolge der drei Zeitalter (des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, dessen Heraufkunft Joachim del Fiore zum Beispiel auf das Jahr 1260 festlegte) verständlich werden kann. Es wäre das die Rückkehr zu der Paradiesunschuld Adams, das Tausendjährige Reich der reinen, auch in ihrer Sinnlichkeit geisterfüllten Natur. Nach Fränger ist das Altarwerk Boschs also ein Lehrwerk einer adamitischen Sekte, von einem Meister des „Freien Geistes“ erdacht, und enthält das „adamitische Evangelium der ursprünglichen Gottnatur“. Aus den Bildern selbst sucht er die Glaubenslehre dieser vorausgesetzten Sekte zu rekonstruieren. Das Ergebnis bewegt sich auf neuplatonisch-mystischen Grundlage: in der Verklärung der sinnlichen Liebe durch eine dem Sexualakt innewohnende Ethik könne der Mensch teilhaben am göttlichen Schöpfungsakt.

Seitdem Bachofen und die Grimms in der Rechtsgeschichte in die dunklen Schächte der Volksüberlieferung stiegen und dort ihre wundervollen Ergebnisse hervorholten, verlieren sich immer wieder klare und wohlintentionierte Geister in den Irrwegen ihrer zu dunklen Forschungsobjekte. Sie studieren Absonderlichkeiten, und plötzlich sind sie selbst absonderlich. Die Dunkelheit des Stoffes überwältigt die Klarheit ihrer Intention. Trotzdem wird Frängers Bemühung fruchtbar bleiben. Seine Intuition hat auf Wege geführt, wo der klare Geist das Gestrüpp wird: niederschlagen können. Wir haben schon einmal erlebt, wie die Grünewald-Forschung durch die bohrende Intensität derartiger dem Zauber des Geheimnisses verfallener Adepten plötzlich auf Wege gebracht wurde, die zu ganz neuen Einsichten führten.

Werner E. Deusch

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Rudolf G. Binding: „Die Perle und andere Erzählungen“ (Das Liebespaar und der Tote, Der Stadtheilige – Fragment). 201. bis 205. Tausend, Hans-Dulk-Verlag, Hamburg, 86 Seiten.

Theodor Storm: Novellen (Hinzelmeier, Pole Poppenspäler, Bulemanns Haus). In der Reihe „Europäische Stimmen“ des Hans-v.-Hugo-Verlages, Hamburg. 145 Seiten.

D. S. Mereschkowski: „Leonardo da Vinci“. Historischer Roman, I. und II. Teil. Übertragen von Marianne Kegel. 442 Seiten, 8,75 DM. Verlag Karl Schwakenberg, Dortmund.