Von Rebecca West

Die berühmte englische Journalistin hat als Berichterstatterin an allen Verhandlungen gegen Landesverräter teilgenommen, die in England nach dem Krieg abgeurteilt wurden. In dem Buch „The Meaning of Treason“ (Der Sinn des Landesverrats) gibt sie eine kritische Deutung der typischen Fälle. Wir drucken daraus einen Abschnitt ab, der sich auf den Rundfunksprecher William Joyce (bekannt als „Lord Haw-Haw“) bezieht.

Es bestand nicht der geringste Zweifel, daß der kleine Mann zum Tode verurteilt werden würde. Nicht ein einziger Mensch im Gerichtssaal empfand darüber den geringsten Skrupel. Was den Fall Joyce schrecklicher als irgendeinen anderen machte, dessen man sich erinnern mochte, war die einfache Tatsache, daß er eben gar nicht schrecklich war. Man wünschte Joyce die angemessene, gerichtliche Strafe für seinen Landesverrat, aber nicht aus persönlicher Ranküne oder wegen eines Massenhasses. Man wollte nur die Gewißheit erlangen, daß im Falle eines zukünftigen Krieges diese besonders widerliche Spielart des Landesverrates, der in den Ohren verängstigter Menschen begangen worden war, (abschreckend wirken sollte, bevor er sich wiederholen könnte. Weiter jedenfalls ging das Interesse der Öffentlichkeit nicht.

In keinem anderen Gerichtsverfahren glich das Publikum mehr interessierten Premierenbesuchern als hier, wo der Korridor mit dem Foyer der Oper verwechselt schien, als sich Richter und Jury zurückgezogen hatten. In keinem anderen Prozeß kehrte die Jury so selbstzufrieden zurück wie hier –, als ob sie alle eine Tasse besonders guten Tees getrunken hätten. In keinem anderen Kapitalverfahren hat sich der Richter die schwarze Kappe gleichgültiger auf seine Perücke gesetzt als hier –, als ob es sich wirklich nur um einen Fetzen schwarzen Tuchs gehandelt hätte und nicht um ein Menschenleben. Der Richter sprach das Todesurteil mit Würde, und es klang so erschreckend, wie es eben klingen soll:

„William Joyce, das Urteil dieses Gerichts lautet, daß Du von diesem Ort in ein gesetzliches Gefängnis überführt werden sollst, und von dort zur Hinrichtung, und daß Du dort am Halse gehängt werden sollst, bis Du tot bist, und daß Dein Leichnam innerhalb der Gefängnismauern in denen Du Dich befindest, beerdigt werden soll. Und möge Gott Deiner Seele gnädig sein.“

Die Wirkung dieser Worte verpuffte sehr schnell. Joyce hatte sein Urteil mit erhobenem Kopf angehört. Danach machte er eine lächerlich steife Verbeugung und lief hinunter in seine Zelle, nicht ohne seinem Bruder und seinen anwesenden Freunden zuzulächeln. Es war der Abgang eines Schmierenkomödianten. Früher hätte solch ein Betragen auf den Zuschauer Eindruck gemacht; heute jedenfalls nicht mehr. Alles hatte sich eben von Grund auf geändert. Früher lebten die Besucher eines Gerichtssaals in einem Zustand persönlicher Sicherheit, und jeder Angeklagte war eben nur eine besonders unglückliche Person, die in die Netzmaschen der Justiz geraten war. Heute jedoch hatte jeder Zuschauer irgendeinmal während der letzten sechs Jahre in Gefahr eines unverdienten Todes oder der Verstümmelung gestanden, oder wenigstens beobachten können, wie seine Mitmenschen sie mit größtem Mut bemeisterten. Ähnliche Eigenschaften in William Joyce machten auf sie keinen Eindruck. Zwar hatte er es verstanden, ihr Interesse durch sein außergewöhnliches Schicksal zu erwecken, aber es war von der Anklagebank aus geschehen, wo er sich nicht von der Mitschuld am Erlebnis seiner Zuschauerschaft hatte reinigen können.

Deswegen wandten sich diese um und verließen den Gerichtssaal, wie man eine Konzerthalle oder gar ein Kino verläßt. Draußen auf dem Korridor hörte man eine Frau sagen: