Von Johannes Jacobi

In der anklagenden Frage: Demontage des Theaters? gipfelte eine von Empörung geheizte Rede, die Erich Otto, der Präsident der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, in Köln vor mehreren tausend Mitgliedern hielt. Der Anlaß zu diesem Protest waren Gespräche, die die Zusammenlegung einzelner Institute zu Gemeinschaftstheatern für mehrere Städte bezweckten. Veranlaßt wurden solche Fusionspläne durch die steigenden Betriebskosten bei sinkendem Besuch der Theater. Die Deckung des immer größer werdenden Defizits aus öffentlichen Mitteln glauben viele Städte nicht mehr verantworten zu können.

Der Deutsche Städtetag begründet die Drosselung der Theaterzuschüsse durch die Städte mit der Notwendigkeit, Wohnungen, Schulen und so weiter nicht hinter dem Theater zurückstehen lassen zu können, zumal die Bevölkerung nicht verstehen werde, wenn schlecht besuchte Theater durch öffentliche Zuschüsse künstlich am Leben erhalten würden. Auf der Kölner Protestkundgebung wies jedoch Wolfgang Goetz (Berlin) darauf hin, daß das Problem auf diese Weise falsch gestellt sei. Denn die scheinbare Krise des Theaters ist ein Teil der allgemeinen Kultur- und Bildungskrise, die keinesfalls mit dem Rechenstift gelöst werden kann. Wenn man Ausgaben für Wohnungsbau und Theaterzuschüsse in eine rein geldliche Relation bringt, wird das Ergebnis der finanziellen Sparmaßnahmen eine Verflachung unserer künstlerischen Kultur sein. „Häuser und Städte sind schneller aufgebaut, als eine barbarisierte Kultur wieder zur alten Höhe gebracht werden kann.“

Daß es sehr wohl möglich ist, die Leute wieder zahlreicher ins Theater zu locken, beweisen jüngste Erfahrungen. Die Zeit der „Behelfsscheunen“ ist vorbei. Wiederaufgebaute Theater in Braunschweig und Freiburg i.Br. verzeichnen einen sprunghaft ansteigenden Besuch. Durch Zusammenarbeit mit einem Reisebüro hat man in Braunschweig 12 000 Theaterbesucher neu gewonnen. In Krefeld ist ein katastrophaler Besucherschwund innerhalb weniger Monate ins Gegenteil verwandelt worden: Durch Mitarbeit sämtlicher in der Stadt tätigen Betriebe wurde ein Sanderabonnement eingerichtet, zu dem die Arbeitgeber die Hälfte spenden, während die andere Kostenhälfte den Werktätigen (freiwillig!) in Höhe weniger Pfennige von ihrem Wochen- oder Monatslohn abgezogen wird. Die Bühnengenossenschaft machte sich in Köln anheischig, ein Dutzend weiterer erfolgbringender Vorschläge zur Behebung der Besuchskrise auszuarbeiten.

Trotzdem werden nicht alle hundertneununddreißig Bühnen der Bundesrepublik und Westberlins die gegenwärtige Krise der Theaterwirtschaft überstehen. Richtig geplante Fusionen können den natürlichen Ausleseprozeß unterstützen, versäumte ihn fehlleiten. Das wird an einem Beispiel der jüngsten Zeit deutlich. Im Bergischen Land wollten Wuppertal, Solingen und Remscheid ein Gemeinschaftstheater gründen. Der genau auskalkulierte Plan scheint daran scheitern zu müssen, daß Solingen abspringt, ohne freilich zu wissen, ob es seine kleine Oper finanziell tragen und besuchsmäßig „auslasten“ kann. Wuppertal muß deshalb seinen Theaterbetrieb allein weiterführen und ihn irgendwo verkleinern. Dadurch verliert eine der wagemutigsten Bühnen Westdeutschlands die Grundlage zur Bewältigung schwierigerer Aufgaben in Oper und Konzert. Die Bildung eines Gemein – schaftsbetriebs dagegen hätte auch den anderen Partnern die Möglichkeit gegeben, anspruchsvolle Werke in einwandfreier Darbietung innerhalb ihrer eigenen Mauern regelmäßig zu hören.

Um weit mehr als nur wirtschaftliche Fragen geht es bei dem Plan, der aus den städtischen Bühnen von Düsseldorf, Köln und Bonn ein rheinisches Gemeinschaftstheater gründen will. Es ist zwar nicht zu sehen, was Städte wie Düsseldorf und Köln zu derartig eingreifenden Opfern ihrer eigenen Substanz nötigen könnte. Doch sollte über kurz oder lang die wirtschaftliche Not auch diese Gemeinwesen vor die Frage „Schmiere oder Fusion?“ stellen, dann freilich bietet dieses Projekt einen Rahmen, um aus der wirtschaftlichen Not eine künstlerische Tugend zu machen. Die veranschlagten Beiträge von 3,75 DM pro Kopf der Bevölkerung brächten den beteiligten Städten eine fühlbare finanzielle Entlastung. Das Land Nordrhein-Westfalen würde endlich einen würdigen Zuschuß zu einem gleichsam gemischtwirtschaftlichen Staatstheater des größten Landes in Höhe von 1,5 Millionen geben. Zusammen mit den veranschlagten Eigeneinnahmen des Dreistädtebetriebs würde dieses Gemeinschaftstheater am Rhein einen Etat von acht Millionen DM aufweisen! Die Möglichkeiten eines solchen Unternehmens springen in die Augen. Es steht und fällt aber mit der Persönlichkeit des verantwortlichen Leiters. In Gustaf Gründgens stünde freilich dieser Mann dem Westen noch zur Verfügung, obwohl auch Westberlin sich um die Zusammenfassung seiner Schauspielbühnen unter diesem bedeutenden Theatermann bemüht. Mag das Projekt im Augenblick vielleicht zerredet werden, da es anscheinend zu früh an die Öffentlichkeit kam – unbestreitbar bleibt, daß keine Stadt im Westen bisher einen künstlerischen Schwerpunkt des Theaters mit der Aussicht auf Dauer zu bilden fähig war. Berlin ist in der Funktion, die es einmal als Spitze der deutschen Theaterhierarchie hatte, im Westen nicht ersetzt worden. Da die „Reichshauptstadt“ heute noch keineswegs wieder in der äußeren Lage ist, diese Spitzenfunktion selbst auszuüben, wird abermals, wie schon vor einigen Jahren, die Frage an den Westen gestellt, ob er Berlin nicht wenigstens vertreten könne durch die Errichtung eines Theaters, das von maßstäblicher Bedeutung für Deutschland wäre.