In dem kleinen Château de la Muette, am Randedes Bois de Boulogne, so wird es vielleicht der-, einst in den Geschichtsbüchern, stehen, versuchte Europa Anfang 1950 noch einmal, Amerika zu hintergehen. In jenem renovierten Schlößchen gaben dieser Tage die Vertreter der europäischen Marshall-Länder formell dem amerikanischen Drängen auf engeren Zusammenschluß nach, sie hofften, dadurch im Versiegen des Dollarstroms zu verhindern, sie verliehen ihrer Organisation auf dem Papier stärkeren politischen Charakter, aber sie waren nicht bereit, auch nur einen Zipfel ihrer nationalen Souveränität aufzugeben. Dank dieser Einstellung wurde der holländische Außenminister Dr. Stikker zum „leitenden politischen Beamten“ der O.E.E.C. ernannt.

Washington bat seit Anlaufen der Marshall-Hilfe auf der Errichtung eines solchen Postens bestanden, um der O.E.E.C. „politische Korsett-‚Stangen“ einzuziehen. Noch bistief in den Januar dieses Jahres hinein galt der ehemalige belgische Ministerpräsident Bau! Henry Spaak als Favorit unter den Kandidaten, weil er als Präsident des Europaparlaments die Querverbindung zu Straßburg hätte herstellen und als Staatsmann europäischen Formats das ERP vermutlich sehr baldauf die politische Ebene hätte heben können. Nun aber haben sich die Empfängerstaaten unter der Führung Englands für den holländischen Außenminister entschieden. Mit anderen Worten: An Stelle eines superman, eines europäischen Generaldirektors, der notfalls auch über die Köpfe der nationalen Regierungen hinweg seine Entscheidungen getroffen hätte, wurde ein political conciliator auf den europäischen Vorposten gestellt, ein Mann des Ausgleichs, der im Hauptberuf holländischer Außenminister ist, nur zwei Tage im Monat im Büro der O.E.E.C. in Paris zubringen wird und über keinerlei schriftlich fixierte Vollmachten verfügt.

Dirk Uipko Stikker beging wenige Tage nach dieser Ernennung seinen 53. Geburtstag. Er begam einst als Jurist, bereiste als Brauereidirektor die Welt und verdiente sich erst im Kriege als Friedensstifter zwischen Arbeitern und Unternehmern im holländischen Untergrund seine politischer Sporen. Wenn er sich auch nach 1945 als Gründer der Liberalen Freiheitspartei, Mitglied des Senats und Außenminister seines Landes als nicht ungeschickter Politiker erwies, wenn er auch als einer der ersten holländischen Parteiführer die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Indonesien auf sein Programm setzte, unverblümt die Wirtschaftspolitik der Alliierten in Deutschland kritisierte und den „Kastengeist“ der internationalen Diplomatie rügte, so sind seine Chancen, sich in seinem neuen Amt erfolgreich durchzusetzen, doch gering. Denn O.E.E.C. heißt zwar: Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit. Aber zur Verwirklichung des großen „C“ sind die Regierungen der Mitgliedstaaten offenbar noch immer nicht bereit. Die Ernennung Stikkers hat es erneut gezeigt; die Bedingungen, unter denen er arbeiten wird, dürften es beweisen. C. J.