Von Fried Lübbecke

Mancher Pilger zum vergangenen Goethe-Jahr hatte sich das Wiedersehen mit Frankfurt nicht so traurig gedacht. Zwischen Goethe-Haus, Römer und Dom – bis 1943 die wohlerhaltene Stadt großer Vergangenheit – dehnt sich noch heute eine einzige Kraterwüste, überragt von den zerfetzten Rümpfen der Klöster und Kirchen, Museen und Archive. Alles, was der gotische Zimmermann aus Fachwerk, Sparren und Schiefern schuf, ein Tausend steiler Häuser in Gassen, an Plätzen und Höfen, „Festungen in der Veste“, wie Goethe meinte, fraß die rasende Lohe an seinem Todestage, am 22. März 1944. Der Vesuv über Pompeji war gnädiger als die Bomben über Alt-Frankfurt. Bei all dem Schrecken der Nachkriegszeit aber, da die Menschen in dunklen Bunkern, feuchten Kellern und schwer zugänglichen Noträumen hausten, drängten sich neue Einlaß- und Wohnungsheischende in die Stadt. Von 1945 bis 1949 stieg die Bevölkerung von 300 000 Einwohnern fast auf das Doppelte; sie dürfte in wenigen Jahren die Million erreicht haben. So gut und schlecht es ging, wurde nun für Wohnungen gesorgt, und man mußte es zunächst ansehen, wie die Mauern kostbarer Bauten, des Kaiserdoms, der Stadtbibliothek, des Opernhauses, des Städelschen Kunstinstituts mehr und mehr zu verfallen drohten.

Als Kaiser Wilhelm I. 1880 zur Einweihung das Neue Opernhaus betrat, scherzte er zu dem Oberbürgermeister: „So was können sich auch nur die Frankfurter leisten.“ In der Tat war Frankfurts Opernhaus, nicht nur der kostbarste, sondern auch der repräsentativste deutsche Theaterbau. Stieg man vor vierzig Jahren über dicken Veloursteppiche die Marmortreppen des festlichen Stiegenhauses empor, betrat das goldene Rund der Logen und Ränge, schaute in ein tiefes Parkett mit gut gekleideten Damen und Herren, so fühlte man geradezu etwas wie Familienzugehörigkeit. Stolz stand dieser Bürgerschaft das Wort ihres Abgeordneten Reinganum von 1842 zu Häupten: „Frankfurt fährt selte aus; fährt’s awer aus, so fährt’s vierspännig“, als das Bürgerschaftskollegium den Abgeordneten in der Freien Schwesterstadt Hamburg die Summe von 190 000 Gulden als Geschenk überwies.

Alles, was im alten Frankfurt an geistigen und künstlerischen Anstalten und Versorgungen in unendlicher Vielfalt blühte und Jahr um Jahr Früchte trug, war von der Liebestätigkeit der Bürger getragen. Von jedem ersten neuen Geschäft wanderte als „Gottespfennig“ der Gewinn an die privaten Kassen der Wohlfahrt. Man hatte keinen Fürsten und keine Residenz, kein Hoftheater und keine Hofbibliothek, aber dafür sein eigenes Stadttheater, seine Stadtbibliothek, sein Bürgerhospital, sein Georg-Speyer-Institut, sein Städelsches Kunstinstitut, seine Museumsgesellschaft für Konzerte, seine Saalbaugesellschaft für den Saalbau, seine Senckenberggesellschaft für das Naturmuseum Senckenberg, sein Dr. Hochsches Konservatorium und schuf noch zwischen 1900 und 1914 aus freiwilligen Beiträgen der Bürger – aus vielen Millionen Goldmark – die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität. All das und unendlich viel mehr kostete den Frankfurter Steuerzahler keinen Pfennig. Was der wohlhabende Bürger freiwillig für all diese Institute und Stiftungen hergab, erschien ihm gut angelegt. Es blieb ja in Frankfurt.

Nicht aber, daß sich die Frankfurter nur im Schatten ihres allen Bekenntnissen gehörenden Domturmes betätigt hätten! Als Kaufleute in der ganzen Welt daheim, blieben sie dennoch glühende Deutsche. Im ersten Weltkrieg zeichnete diese eine Stadt über eine Milliarde Mark Kriegsanleihe, ein Fünfzehntel des ganzen Reichsaufkommens. Seitdem im Mittelalter Frankfurt als Wahl- und Krönungsstadt der alten deutschen Kaiser vor allen deutschen Städten ausgezeichnet und mit dem kaiserlichen Vorrecht der Reichsmessen begnadet war, fühlte sich die Bürgerschaft dem Reiche weit mehr als die meisten deutschen Fürsten verpflichtet. Aus Treue zum schon 1805 entseelten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation blieb sie auch seinem Rechtsnachfolger, dem österreichischen Kaiserhause, ergeben und büßte diese Treue mit der Einverleibung in das preußische Königreich.

Wider preußisches Erwarten jedoch verwand die Stadt diesen Schlag überraschend schnell. Trotz starker Einwanderung aus dem ganzen Reich, insbesondere von preußischen Beamten und Offizieren – seit 1880 war kein Frankfurter mehr Oberbürgermeister – blieb die Bürgerschaft geschlossen frankfurtisch und entwickelte im Ausgleich des politischen Verlustes wesentliche wirtschaftliche und geistige Kräfte. Wohl starb neben der rasch sich mehrenden Leipziger Mustermesse die mittelalterlich rückständige Frankfurter Warenmesse, doch behauptete sich Frankfurt unter der Führung der Rothschilds und Bethmanns als bedeutendster Geldmarkt Deutschlands, ja Europas neben den Börsen Englands und Frankreichs. Noch vor fünfzig Jahren stampften vor der prächtigen, 1944 zerstörten Neuen Börse um die Börsenzeit die rassigen Pferde vor Hunderten von Equipagen ungeduldig das Pflaster. Um eineinhalb Uhr jagte dann der Korso ins Westend oder in das neue Villenviertel jenseits des Mains am Stadtwald, das mit seinen stundenweiten Reitwegen halb nach Darmstadt und Mainz ein nobles Viertel war. Hatte bis 1866 die Freie Stadt die Fabrikschornsteine hochmütig aus ihrem Gebiet verbannt – man wollte keinen Qualm, kein „Proletariat“ –, so wurde die Industrie seit 1890 durch den genialen Oberbürgermeister Franz Adikes aus Stade klug gefördert. Insbesondere in der Chemie und der leichteren und mittleren Eisenverarbeitung, in der Schriftgießerei und Fahrzeugherstellung errang die Frankfurter Industrie Weltruf.

„Auf dem Gipfel der Zustände erhält man sich nicht lange.“ Diese Wahrheit des Goethe-Wortes erfuhr auch seine Stadt. Unwiderstehlich zog seit 1900 Berlin – als unbedingte Hauptstadt Deutschlands – die finanziellen und wirtschaftlichen Kräfte aus dem Altreich an die Spree. Sogar die Frankfurter Börse sank hinter die von Berlin zurück, nachdem sie noch während des nordamerikanischen Sezessionskrieges (1861 bis 1865) auf Seiten der Nordstaaten den Kampf mit den Pariser und Londoner Börsen, den „Sklavenhaltern der Südstaaten“, siegreich bestritten hatte. In der Inflation nach dem ersten Weltkrieg schmolz schließlich der noch ansehnliche Rest des Frankfurter Kapitals.