Am 21. Januar 1950 starb in London nach

einem bewegten Leben George Orwell im Alter von 46 Jahren. In ihm verliert der englische Sozialismus eine seiner prägnantesten und eigenwilligsten Gestalten. Dieser der Labour Party angehörende Schriftsteller erhielt seine geistige Ausbildung im humanistischen Eton-College, welches er als Lehrer verließ, um darauf in Burma in der indischen Polizei zu dienen. Aus jener Zeit stammt sein Tagebuch antiimperialistischer Färbung Burmese days. Wie viele andere bedeutende europäische Intellektuelle kämpfte er im spanischen Bürgerkrieg in den Reihen der roten Internationalen Brigade, um dann nach England zurückzukehren, wo er Literarkritiker und Redakteur des Wochenblattes Tribüne wurde. Später verbrachte er kurze Zeit in Berlin und Paris als Korrespondent des Observer. In seiner weltanschaulichen Haltung gehört Orwell zu jenen internationalen Elitekämpfern des Geistes, des Wortes und der Tat, wie Malraux, Koestler, Dos Passos und Silone, diesen einst überzeugtesten Bahnbrechern des Kommunismus, die durch ihre Abtrünnigkeit heute zu den gehaßtesten Gegnern der Sowjetunion geworden sind. Parallel zu seiner journalistischen Tätigkeit verlief Orwells schriftstellerische Laufbahn, in deren Verlauf er sich immer mehr als Erneuerer einer bestimmten Form der Gesellschaftskritik entpuppte, gleichsam als Swift, unserer Zeit. Seinem wichtigsten Werk gingen literarkritische Essays voraus: Dickens, Dali and Others, Studies in Popular Culture, während sein letztes Buch Nineteen-eighty-four (vgl. „Die Zeit“ vom 18. August 1949), eine Zukunftsvision, das Ende des Menschen romanhaft gestaltet.

Als bedeutendstes Werk von George Orwell gilt seine „Farm der Tiere“. Der Mensch wird durch eine siegreiche Revolution der Tiere verjagt. Das Goldene Zeitalter der Tiere scheint angebrochen mit Dreitagewoche, ausreichendem Futter, Gleichheit, Gerechtigkeit und Aufstieg zur Bildung. Eines der sieben Gebote verkündet: „Alle Tiere sind gleich, wer auf vier Beinen geht oder Flügel hat, ist der Freund, wer auf zwei Beinen geht ist der Feind.“ Die Schweine stellen sich an die Spitze des neuen Reiches, zwei Eber, Napoleon und Schneeball, sind die Imperatoren, Quiekschnauz, der Redner, der Schwarz zu Weiß machen kam, ist der Propagandist. Ein Rückkehrversuch des Menschen wird abgeschlagen, worauf sich sogleich der Machtkampf zwischen den beiden Oberschweinen entwickelt, den Napoleon, unterstützt durch neun Bluthunde, für sich entscheidet. „Napoleon hat immer recht“, deklamieren die Schafe. „Vierbeiner gut, Zweibeiner schlecht“, singen fortwährend die ungelehrigen Analphabeten. „Disziplin, Tapferkeit ist nicht genug, Treue und Gehorsam sind wichtiger“, verkündet der Propagandaminister und die Orden „Tierheld erster und zweiter Klasse“ werden geschaffen. Täglich wird das Leben härter, erdrückende Arbeit verunmöglicht jegliches freie Denken. Jedes Mißgeschick wird dem Verräter Schneeball zur Last gelegt. Gewaltige zusätzliche Arbeitsleistungen werden gefordert – im Namen der Zivilisation! – und ohne Murren, doch keuchend vollbracht. Das riesige Pferd, der älteste und treuste Kamerad, bricht zusammen. Napoleon verkauft es im geheimen dem Schinder und weiß den Entrüstungssturm der Tiere durch ein Staatsbegräbnis zum Verstummen zu bringen. Die regierenden Schweine beginnen nun sich wie die Menschen aufzuführen, sie leben im Herrenhaus. Durch grauenhafte Strafexpeditionen unterdrückt Napoleon gewaltsam den Oppositionsgeist der andern Tiere, wobei sich die Widerspenstigen leidenschaftlich selbst anklagen. Napoleon selbst fängt an, mit den Menschen Geschäfte zu schließen, man betrügt sich gegenseitig, aller Schaden geht auf Kosten der Mehrarbeit der unterdrückten Tiere, zwischen denen die Schweine als Aufseher mit einer Peitsche herumgehen. So kommt der Tag, da die Schweine ihre Diktatur als gefestigt betrachten können. Ein neues Gebot wird in den Stein gemeißelt: „Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher als die andern.“ Die ehemalige Anrede „Kamerad“ wird abgeschafft, die einstigen Kampfzeichen aus der Fahne entfernt, der Name „Farm der Tiere“ in „Herrenfarm“ abgeschwächt, kurz alle Zeichen der ehemaligen Revolution getilgt. Und dann wird mit den Menschen eine Versöhnungsbowle gebraut. Napoleon tafelt in den Kleidern des vertriebenen Farmers mit den Nachbarn in der guten Stube. Das Verbrüderungsfest, dem hinter dem Fenster die verblüfften Tiere zusehen, endet mit einer Schlägerei, weil Napoleon und der Domänenbesitzer Pilkington in einem Kartenspiel die gleiche Karte ausspielen. Und Orwell schließt mit dem tragikomischen Satz: „Jetzt war gar kein Zweifel mehr daran, was mit den Gesichtern der Schweine vorgegangen war. Die Tiere draußen schauten von Schwein zu Mensch und von Mensch zu Schwein, und dann nochmals von Schwein zu Mensch; aber es war bereits unmöglich, zu sagen, wer das Schwein und wer der Mensch war.“

Damit endet die Fabel. Eine geistreiche Satire, geschrieben von einem noch geistreicheren Manne, der mit seiner indirekten Laterne heller hinter den Eisernen Vorhang leuchtet als so viele andere, die, vom Schein ihrer eigenen, stürmisch geschwenkten Lampe geblendet, überhaupt nichts sehen. Das Leben des Mannes, der diese Laterne entzündet und hochgehalten hat, ist erloschen. Ihr Licht aber strahlt weiter und frißt ein gewaltiges Loch in die Finsternis einer Welt voller Lügen.