Es begann damit, daß der Frankfurter Bankherr Städel, 1816 verstorben, in seinem berühmten, unübertrefflich klug abgefaßten Testament die Gründung eines „Städelschen Kunstinstituts“ bestimmte, das dem Sammeln bildender Kunst und der Unterrichtung in ihr dienen sollte. Es war das erstemal – ein historisches Ereignis! –, daß jemand sich zu einer öffentlichen Kunstpflege großen Stils aus privaten Mitteln entschloß. Das Persönliche dieses Entschlusses, die Großzügigkeit, Genauigkeit, die Vorsicht – insbesondere gegenüber dem Stadtregiment –, kurz, die allseitige Weisheit der Stiftungsbestimmungen haben bis heute die Entwicklung des Instituts und seinen einzigartigen Charakter entscheidend bestimmt. So persönlich Städels Entschluß war, er war typisch für Frankfurt, dessen Stolz die Fülle der öffentlichen Stiftungen ist. Nicht in unbeschränktem Reichtum lag das Geheimnis ihrer Leistung – ganz und gar nicht –, sondern in ihrem Ethos, und das haben sie bewiesen im Zusammenbruch nach dem ersten Weltkrieg, der sie arm gemacht hat, nach dem Jahr 1933, das sie ihrer großartigen jüdischen Gönner und Freunde beraubt hat, und im heutigen Zusammenbruch, der die Reste ihrer Vermögen vernichtete.

„Das Städel“, wie der Frankfurter sagt, hat gerade auch gegenüber der Stadtverwaltung die Unabhängigkeit immer gewahrt, ebenso wie die anderen Stiftungen, und die Stadt hat unendlichen Nutzen daraus gezogen. Heute allerdings sind die Stifter rar geworden. Und wenn die Steuer daran die Schuld haben sollte, so wäre es eine schlechte Rechnung, zu sagen, daß dies im öffentlichen Interesse sei. Aber man muß fürchten, daß die Schwierigkeiten im Kulturellen selbst liegen: Die alte Lust der Frankfurter am Sammeln, ein Stück ihres konservativen Sinnes, ist zurückgegangen, vielleicht überhaupt die künstlerische Passion und Sicherheit, die Freude am Bild und der Glaube ans Bild. Das kann morgen anders sein, und daher müssen die großen Stiftungen, die dem Frankfurter Wesen innig zugehören, über die herrschenden Schwierigkeiten hinübergebracht werden, sie haben Anspruch darauf. Noch immer ist die Unabhängigkeit ihrer Arbeit ein Segen für alle, für die Bürgerschaft und das Stadtregiment. Nirgends aber ist die Unabhängigkeit wichtiger als im Künstlerischen. Noch immer bietet das Städel auch die Fülle der Möglichkeiten, die sich hier im Laufe der Zeit zusammengefunden haben, ererbt, geschenkt, gekauft: Bilder, Aquarelle, Zeichnungen, Drucke und Bücher. Dabei ist die Sammlung gar nicht unmäßig groß, vielmehr überschaubar; die Dinge klingen und wirken zusammen. Diese Sammlung, sie hat gewiß Einseitigkeiten, Schwächen, Lücken; aber sie hat zugleich großartige künstlerische und menschliche Akzente, sie ist frei von geistiger Beschränktheit, sie ist als Ganzes ein Kunstwerk, eine kleine Welt. Wenig „Schinken“, wenig „Maschinen“, viel kleine Bilder. Aber – und das ist das Entscheidende! – Bilder, mit denen sich leben läßt. Zu manchen – es gibt kein höheres Lob – pflegten früher vorzügliche Menschen von weither eine Wallfahrt zu machen. Diese Bilder müßten immer zu sprechen sein, und deshalb hält man im Städel in beschränktem Umfang an der alten musealen Ordnung der Beständigkeit fest. Denn es ist und bleibt ja ein Unterschied zwischen Museum und Ausstellung, auch wenn allenthalben die Raumnot zum Wechseln zwingt und die beschränkte Schau viel Gutes hat und der Wechsel oft zur Attraktion wird.

Die Bestände des Städels, im Krieg auf Wanderschaft geschickt und zum Schluß nach allen Richtungen verteilt, sind mit einer kleinen Ausnahme zurückgekehrt. 25 Bilder, darunter Liebermanns Amsterdamer Waisenhausgarten, sind erst nach dem Ende der Kampfhandlungen entwendet worden. Ähnlich glimpflich ist es den Beständen der anderen Frankfurter Museen ergangen. Dank dem großartigen Fleiß, dank der nur bei einer solchen Stiftung möglichen Verbundenheit aller Mitarbeiter mit ihrem Institut, sind zwei Fünftel des Gesamtraumes in dem von Bomben schwer getroffenen Haus wieder gebrauchsfähig. Der schönere, schwerer beschädigte Altbau freilich wird noch lange nicht in Ordnung kommen; da reichen Fleiß und Hingabe nicht mehr hin, fehlt einfach das Geld. Aber seit Jahren sind doch die schönsten Meisterwerke wieder zu sehen.

Was die Pflege der Moderne betraf, so hatte das Städel daran soweit Anteil, als es mit einem anderen Museum, der städtischen Galerie, zusammengewachsen war –: eine Symbiose, die einst dank der gemeinsamen Betreuung durch Georg Swarzenski sich ganz großartig auswirkte. Das Städel hat dabei mit seinen Beständen, seinem Charakter dieser städtischen Galerie ein sicheres Regulativ gegeben, das Unmaß und Abwege von vornherein verbot –: die beste Voraussetzung für das Sammeln moderner Kunst. Dieser ganze städtische Besitz moderner Kunst im Städel – dazu Munch und Gauguin – ist dann im Jahre 1937 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und verramscht worden. Später hat man in einer Sonderaktion auch noch den „Dr. Gachet“ van Goghs als „entartet“ weggeholt und vertan, eines der Bilder, denen zu Ehren mancher nach Frankfurt gereist war, weil er empfand, hier war „der Mensch unserer Zeit“ dargestellt. Heute ist das Bild im New Yorker Privatbesitz.

Hier nun, wo es sich um die Wiedergutmachung eines öffentlichen Raubes handelt, sind öffentliche Mittel nicht zu entbehrten. Vieles muß gutgemacht werden. Was bedeutet es allein, daß von Max Beckmann, der nach dem ersten Krieg in Frankfurt als Lehrer erfolgreich wirkte, nicht ein einziges Bild mehr im Städel zu sehen ist!

Zu seinem Segen ist das Städel – dem Willen seines Stifters – in allem gefolgt; auch in der Aufgabe zu lehren, und zwar bei Laien und Studenten, an Universität und Kunsthochschule. Die unmittelbare, vorbehaltlose und uneingeschränkte Verbindung zum Laienpublikum ist immer ein besonderer Zug aller Frankfurter Kulturinstitute gewesen. Nach dem ersten Weltkrieg nun hatte das Städel einen Zweig des Unterrichts, die Ausübung der bildenden Künste, an die Stadt abgegeben. Seitdem unterhält die Stadt die Städelschule, die diesen Namen mit Recht und Stolz beibehalten hat. Sie hat – ursprünglich eine Schule der freien Künste – danach vorübergehend die angewandte Kunst mit einbezogen, mit ihrer Erhebung zur „Staatlichen Hochschule für bildende Künste“ sich aber wieder auf Malerei, Plastik und Graphik beschränkt. Sie ist planmäßig klein gehalten in Lehrkörper und Schülerschaft, und das aus triftigen künstlerischen und sozialen Gründen. Zurückhaltung und Schlichtheit, die strenge Gehaltenheit des Programms und seiner Durchführung entsprechen der Zeit, der Tradition und auch dem künstlerischen genius loci. Im Krieg ihrer Räumlichkeiten beraubt, hat sie sich heute in unmittelbarer Nähe des Museums angesiedelt, und diese nahe Nachbarschaft wird von beiden Seiten um der Kunst willen freudig begrüßt. Lehrer und Schüler haben sich in zäher Mitarbeit aus den Trümmern des niedergebrannten alten Städelschen Atelierhauses ihre Lernstätten selber schaffen helfen.

Eine merkwürdige Tatsache ist es, daß die Plastik lange Zeit in Frankfurt nicht soviel Geltung hatte wie die Malerei; deshalb verfügt das Städel noch heute nur über wenige Stücke. So hatte damals Swarzenski, der bedeutendste Städeldirektor, der heute in Amerika lebt, ins Schwarze getroffen, als er erreichte, daß die Stadt ein zweites Kunstmuseum, die Skulpturensammlung, schuf. Mit dem ihm eigenen hohen und sicheren künstlerischen Sinn, mit seiner umfassenden Kennerschaft, hatte er die später im „Liebighaus“ versammelte, großartig angelegte und aufgebaute Sammlung alter Skulpturen geschaffen. Nicht zu groß, aber sehr mannigfaltig und sehr gefügt, ein künstlerischer Kosmos, ganz lebendig. Diese Sammlung liegt jetzt brach; zum größten Teil hat sie noch nicht einmal nach Frankfurt zurückgebracht werden können, weil das städtische Liebighaus – so genannt, weil es eine Liebigsche Villa war – unbrauchbar geworden ist, weniger durch den Krieg, als durch die Zeit hernach, in der auch das zunächst wenige Nötige nicht geschah. Das ist schlimm für die Bestände und schlimm für die Stadt. Und es ist schlimm für den ganzen europäischen Westen, daß ein Werk wie die Athena des Myron, statt ausstrahlen zu können, immer noch in der Kiste versperrt bleiben muß!