Von Pavle Goranitsch

Wenn man den Augenblick deuten kann, an dem der jugoslawische König Alexander in Marseille den Schüssen der Ustaschi zum Opfer fiel, dann so: es war der Katastrophentag in der Geschichte des jungen Staates. Von da ab vollzog sich rasch und unerbittlich, was in wechselvollen Jahrzehnten die Verschwörer aller Richtungen heraufbeschworen und unvermeidlich gemacht hatten. Der Erbe der Katastrophe wurde Tito. Wird er der letzte Erbe sein? Wohin treibt Jugoslawien?

Den Chef der jugoslawischen Kommunisten, Professor Sima Markowitsch, traf ich zum letztenmal im Jahre 1934 ganz zufällig in Sarajewo. Ich war mit einem Namensvetter von ihm im Hotel „Europa“ abgestiegen, als zwei Gendarmen kamen und meinen Freund mit der Behauptung verhaften wollten, daß er der Kommunistenführer sei. Daraus schloß ich, daß der KP-Chef in Sarajewo sein müsse, und fand ihn ohne Mühe im Hotel „Central“, wo er sich unter falschem Namen eingetragen hatte. Als ich seine Glatze in der Hotelhalle entdeckte, rief ich: „Herr Professor ...“

Er drehte sich überrascht um. „Ah, Pavle, was machst du denn da?“ Er war beim „Du“ geblieben, seit er mein Mathematiklehrer gewesen war. Wir gingen in ein Kaffeehaus und unterhielten uns.

„Na, Herr Professor, von kommunistischen Heldentaten hört man ja jetzt nicht viel; die Ustaschi haben euch den Rang abgelaufen.“

„Wie kannst du so etwas sagen“, erwiderte er zornig, „weißt du nicht, daß alle unsere Leute in Mitrowitz (Staatsgefängnis in Syrmisch-Mitrowitz) sitzen? Denselben Unsinn muß ich mir ja von allen Seiten anhören, selbst von der Komintern. Aber ich werde ihnen schon meine Meinung sagen!“

Ich wies ihn darauf hin, daß er schon in den Hotels gesucht werde. Es machte keinen besonderen Eindruck auf ihn, aber er stand doch auf, zahlte und ging. Ich sah ihn nie mehr wieder, denn als er der Kominform in Moskau seine Meinung sagen wollte, wurde er festgenommen und als Trotzkist liquidiert. Tito nannte ihn später den „Repräsentanten des engsten serbischen Chauvinismus“, der sich in einen „Reaktionär“ verwandelt habe.