Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, im Februar

Es scheint, als beginne von östlicher Seite ein neuer Druck auf Berlin Die wechselreiche Methode, eine Woche lang die Lastzüge in Marienborn zu Hunderten warten zu lassen, sie dann wieder in schnellem Tempo abzufertigen, wie sie ein drittes Mal für eine kürzere Zeit zu stoppen, dient allerdings wohl nicht nur dem Zweck, der westdeutschen Wirtschaft den Weg nach Berlin grundsätzlich als risikoreich und ungewiß zu verekeln. Vermutlich versucht man vielmehr auf diese Weise, die eigenen Westgeld-Einiahmen zu erhöhen, indem man die Transporte auf die Eisenbahn verweist Gleichzeitig aber verstärkt sich die politische Aktion gegen Westberlin. Die 300 000 Berliner Arbeitslosen sind der Anlaß, eine politische Agitation zu starten, die den „vollbeschäftigten“ Ostsektor gegen die von einer ungewöhnlichen Erwerbslosigkeit erfaßte westliche Stadt ausspielen soll. Die schleppende Bereitschaft der Bundesrepublik, Berlin Hilfe zu leisten, die ärgerliche Verzögerung bei der Verlegung von Bundesbehörden nach Berlin, die Unmöglichkeit, die Arbeit bei Borsig richtig zu beginnen – all dies gibt der SED und den Sowjets eine politische Werbungsmöglichkeit, wie sie besser kaum vorstellbar ist. Die vom kommunistischen Informationschef Eisler ausgegebene Parole go home, die sich gegen die Amerikaner richtet, zusammen mit der schon, heute anlaufenden Schreckpropaganda für den Halbmillionenaufmarsch der FDJ, der zu Pfingsten in . Berlin stattfinden, soll, dazu Kundgebungen der SED an den Sektorengrenzen mit sehr massiven Ankündigungen für „ganz Berlin“, das alles gehört zu der neuen Politik, die sie Sowjets, jetzt offenbar im Zuge ihrer allgemeinen Aggression für nützlich halten. Unter diesen Aspekt gewinnt die Bonner Berlin-Politik an Bedeutung. Sie muß in Zukunft nicht von engstirniger Kleinlichkeit in finanziellen Fragen, sondern von politischer Weitsicht bestimmt werden.