Daß manchen Kreisen Großbritanniens die Erfolge unserer Wirtschaftspolitik nicht passen, ist verständlich. Es gilt für sie also, diese Politik da zu diskreditieren, wo sie ihre stärkste Stütze findet, nämlich in den USA. Das geschieht am zweckmäßigsten, indem man Deutschland des Mißbraucht des Marshall-Plans bezichtigt. Da erklärt man denn, die deutsche Regierung hätte sich „in einer falschen Sicherheit gewiegt, unter dem Eindruck, daß amerikanisches Getreide und Fett weiter dazu beitragen würden, für Deutschland mit nur geringer Anstrengung stark subventionierte oder unbezahlte Einfuhren zu sichern.“ Da wird Erhard vorgeworfen; keinen ernsthaften Versuch gemacht zu haben, das Defizit in der Handelsbilanz, zu verringern – obwohl man weiß, wie stark die seitens der ECA von uns geforderte Liberalisierung des Außenhandels zu der heutigen angespannten Lage beigetragen hat. Da sind plötzlich die „Ziele“ der Industrieproduktion zu niedrig gesteckt, da genügt die Investitionsplanung nicht – als ob es nie einen Longterm-Plan gegeben, als ob unsere Wirtschaftspolitik nicht bisher unter alliierter Kontrolle gestanden habe!

Es ist schon notwendig, daß in dem Memorandum der Zusammenhang zwischen Verbrauchskonjunktur und mangelnden Exporten (soweit ihre Steigerung in deutscher Hand liegt) betont wird. Solange der Binnenmarkt nicht gesättigt ist, besteht kein Druck im Sinne eines Ausgleichs durch Exporte. Jede Erhöhung der Kaufkraft im Inlande – speziell wenn sie auf Kreditausweitung beruht – verringert also den „Exportdrive“. Es ist nachgerade amüsant, wenn die Vertreter einer Politik der „austerity“ jetzt Erhard den Vorwurf der „Angst vor der Kaufkraft“ machen, zugleich aber die Investitionen auf Kosten des Verbrauchs ausdehnen wollen.

Die auf deutscher Seite aus politischen und konjunkturtheoretischen Motiven freudig aufgenommene Pressepolemik britischer Herkunft, die man auf amerikanische Quellen stützen möchte, entpuppt sich sehr deutlich als Wahlmanöver. Aber leider ist sie mehr als das; sie findet nämlich in Linkskreisen der amerikanischen Hohen Kommission, die mit den Isolationisten Hand in Hand arbeiten, Gegenliebe. Was auf der einen Seite Wahlmachenschaften sind, wird auf der anderen im amerikanischen Kongreß benutzt, um die Marshall-Plan-Hilfe zu kürzen oder zu Fall zu bringen. Es ist also eine Bumerangpolitik, die von der Labourseite her und von ihren deutschen Freunden getrieben wird. Und es sollte ja wohl zu denken geben, daß der „Economist“ meint: die gegenwärtige deutsche Situation gäbe Anlaß zur (folgt das deutsche Wort:) „Schadenfreude“. R.E.L.