Von Christian E. Lewalter

Wenn es Gott nicht gäbe, müßte man ihn erfinden“, hat Voltaire gesagt. Descartes, den Philosophen, hat es wirklich gegeben; trotzdem hat man ihn später eigens erfunden – zu Voltaires Zeiten, als den Optimisten der Vernunft, den ersten aufgeklärten Freigeist, kurz: als den Schöpfer des Rationalismus, der moderlen Weltauffassung.

So hat er lange fortgelebt, vergöttert oder verästert, je nachdem man vernunftgläubig war oder geneigt, das Unerforschliche ruhig zu verehren. In Frankreich ist er ein Nationalheiliger gewesen, und in Deutschland haben sich manche etwas darauf zugute getan, „anti-cartesianisch“ zu sein.

Der Weg vom erfundenen Descartes zum wirklichen Descartes ist der Schritt von der Weltanschauung zur Philosophie, vom Alles-schonwissen zum Fragenkönnen, vom fertigen Denken zum Zweifeln und Prüfen. Der erfundene Des-:artes ist verblaßt wie der Glaube, der ihn produziert hat – der Glaube, daß das Denken des Menschen die Welt ganz und gar durchsichtig machen könne. Der wirkliche Descartes ist hinter dem Schemen emporgestiegen und gegenwärtig geworden. Nicht weil er ein Vollender, sondern weil er ein Beginner war, weil er inmitten einer Welt, die sich in Sicherheit wiegte, Unruhe und Ungenügen empfand.

„Ich denke, also bin ich.“ Wenigstens diesen Satz von Descartes reicht man sich von Mund zu Mund, nun schon mehr als dreihundert Jahre, Er ist Ausgangspunkt seiner philosophischen Spekulationen gewesen. Aber er muß zunächst als Endsatz seines zweifelnden und prüfenden Fragens angehört werden. Und da wird er eigentümlich explosiv, eine Simsonstat, das Einreißen von Gebälken, die für die Ewigkeit gebaut schienen.

Keine Behauptung gutgläubig zu akzeptieren, und wenn auch alle, die leben und lehren, sie für gewiß halten – wer, seit Sokrates, hätte das gewagt? Als Descartes, so um 1615, kurz ehe der Große Krieg begann, auf der besten Schule Frankreichs, bei den Jesuiten in La Fleche, erzogen wurde, ein junger Edelmann und Kavalier, der sich das gehörige Wissen aneignen und sich für einen Platz in der europäischen Elite ausrüsten sollte, da galten sehr, sehr viele Behauptungen als ausgemachte Wahrheiten und sehr, sehr viele Beweise als unwiderleglich erbracht. Jedem Wort in den Schriften des Aristoteles wurde soviel Kredit gegeben wie einem Bibelwort, oder doch fast soviel. Ein unzerreißbares Gespinst von Kommentaren war darum gewoben worden. Von Sein und Nichtsein bekamen, wie Hamlet in Wittenberg, die Scholaren in La Fleche feste Erkenntnisse an die Hand. Der Bau der Welt war in ein feines und haltbares Gerüst von Begriffen aufgefangen. Die tragenden Balken hatten große Lehrer, dem Aristoteles folgend, errichtet, die Doktoren ganzer Generationen, Thomas von Aquino und Duns Scotus und neuerdings Francisco Suarez, die Leuchte der Universität von Coimbra und eine hohe Zierde des Jesuitenordens. Sogar an den protestantischen Universitäten, in Helmstedt und Kopenhagen, in Heidelberg und Leyden, nahm man die Seinslehre der jesuitischen Gelehrten an und gab sie an die Studenten weiter. Wie das Seiende (auch das „Ding“ genannt) sich dem ihm forschend zugewandten Blick als das Wahre und das Gute zeigt, davon gab es Überzeugungen, die durch die Zustimmung aller in der Philosophie Bewanderten erhärtet waren. Nur über Details disputierte man noch, das Ganze stand so sicher wie die Quadermauer einer alten Felsenburg.

Ganz in der Stille hat Descartes, ein schmächtiger Herkules, dieses Gewebe, das ihm wie das Nessushemd am Körper gebrannt haben muß, aufgetrennt – nicht bereit, auch nur einen jener metaphysischen Lehrsätze auf die Autorität der Meister hin anzunehmen. Von den strittigen Details kam er auf die sicheren Wahrheiten, und siehe, auch sie hielten der Prüfung nicht stand, enthüllten sich als Vorurteile, als brüchig und zerreißbar. „An allem muß gezweifelt werden“, dies harte Gebot legte sich der französische Hamlet auf, der wie der englische seinen Montaigne gelesen hatte, aber nun nach einer anderen Richtung als der Dänenprinz mit dem Zweifel Ernst machte. Diesem bleibt, da er den Zweifel an sich fressen läßt, nur noch die Entladung in der Tat. Descartes dagegen, eine mathematische Natur, handhabt den Zweifel wie einen Zirkel. Er schlägt mit ihm immer engere Kreise und fängt am Ende das einzige ein, was unbewiesen bleiben muß, da es der Grund für die Möglichkit jeden Beweises ist: den Akt des Denkens selbst.