Mit einer Stahlproduktion von 906 000 t hat der Januar ein Rekordergebnis und die Fortsetzung der seit November allgemein erwarteten Entwicklung in der Auftragslage der deutschen Eisen- und Stahlindustrie gebracht. Eine neue Konjunkturelle deutet sich an, von der das Rhein-Ruhr-Gebiet annimmt, daß sie nach Anlaufen des Bundeswohnbauprogramms und einiger anderer Investitionsprojekte größerer Art noch eine Erweiterung erfahren wird. So gesehen, ist die Gesamtlage der deutschen Wirtschaft für 1950 optimistisch zu beurteilen. In unserer „Stahlprognose für 1950“ (Nr. 49 vom 8. Dezember 1949) stellten wir fest, daß mit dem Erreichen der erlaubten Höchstproduktion von monatlich 930 000 t (was im Jahr die ominösen 11,1 Mill. t Stahl = 13,5 Mill. t Kapazität sind) die Frage der Revision der Stahlgrenze akut würde. Nun ist es soweit, und wie wir hören, beabsichtigt die deutsche Eisen- und Stahlindustrie, angesichts der vorliegenden Auftragseingänge bei der Bundesregierung im Sinne einer Überprüfung des inzwischen überholten Abkommens vorstellig zu werden.

Das Auslandsecho zu der Januarziffer ist von Überraschung getragen. Dieses Ergebnis wurde nicht erwartet, zumal man draußen so unvorsichtig war, sich sein Urteil aus Radiomeldungen zu bilden, die Zitate aus einer pessimistischen und Von wenig liebevollen Managern gesteuerten Prophetie der wirtschaftslyrischen Träumereien des Nebensenders Köln verbreitet hatten. Die Entwicklung ist über diese „Radio-Ente“ hinweggegangen, und das manchmal zunächst noch schneidende Gebiß eines ferngelenkten Zweckpessimismus ist um einen weiteren faulen Zahn treuer geworden. – Für jene Leser, die „auch nicht“ Radio hören, sei erklärt, daß in der Sendereihe „Von Rhein und Ruhr“ die britische Auffassung vorgetragen wurde, daß eine Stahlerzeugung von 11,1 Mill. t den Erfordernissen entspräche, im übrigen aber mehr als 8,16 Mill. t doch nicht unterzubringen seien.

Die Eisen- und Stahlindustrie betrachtet ihre Entwicklung für 1950 optimistisch und das Januarergebnis als „gewisse vorsichtige Ausgangsbasis“. hie verweist auf die sich nun ergebende Notwendigkeit, die seit Jahren von Wissenschaft (Prof. Baade-Kiel) und Industrie geforderte jährliche Stahlerzeugung von 15 Mill. t den deutschen Hütten zu gewähren. Schon lange vor Rüstung und Sonderkcnjunkturen erzeugte Deutschland 15 bis 17 Mill. t (1928 bis 1929) und verkauft? sie auch. Internationale Absprachen funktionierten. Nunmehr wird der Lebensodem für jene durch Petersberg vor dem Friedhof bewahrte Alt-Kapazität von 2 Mill. t fällig. Es muß also Feuer in die Öfen der Thyssen-Hütte, Henrichs-Hütte, Charlotten-Hütte usw. Die Stahlindustrie hofft, diese Reserven im Verlauf des Jahres mobilisieren zu können, den Export außerhalb der 11,1-Mill.-Grenze verrechnen zu dürfen und zu einem neuen den ökonomischen und europawirtschaftlichen Tatsachen Rechnung tragenden Abkommen mit den Alliierten zu kommen.

Seit der Freigabe der Lebensmittelbewirtschaftung in Westdeutschland wird den Deutschen gern im Ausland vorgeworfen, sie verfressen die Dollars und arbeiten nicht genug. Daß wir arbeiten wollen: siehe Stahlerzeugung; daß wir die Dollars nicht verschwenden wollen: siehe Forderung auf Lockerung der Produktionsbeschränkungen! Auch die Tugend, sparsam zu sein, ist noch keineswegs im Kohlenpott ausgerottet worden, Als Kontinental-Land denkt der Deutsche gern auch europäisch. So beim Stahl. Die deutsche Stahlindustrie hat bisher noch keinen einzigen Dollar auf amerikanische Rechnung verbraucht. Sie hat sich seit der Währungsreform mit etwa 300 Mill. DM in Selbstfinanzierung „großgehungert“. England hat aus der US-Tasche 200 Mill. £ erhalten, Frankreich 1 Md. 8, Italien 250 Mill. $, Benelux 380 Mill. S. Dabei bauen jene Länder neue Kapazitäten in oft selbstmörderischer Unrentabilität, nur um „stark in Stahl“ und, wie sie denken, damit auch „stark in politischer Macht“ zu sein. An dieser Dollar-Verschwendung gemessen sind die Anlauf kosten für die Thyssen-Hütte mit 70 bis 80 Mill. DM nur ein bescheidenes Taschengeld für das standortgünstigste Werk Europas! Rlt.