Der Sammler zog aus seiner Mappe eine golden verzierte Marocainhülle, klappte sie auf und reichte sie mir mit den Worten: „Ich komme eben aus dem Hotel Drouot.“ Er hatte richtig gerechnet: die Augen gingen mir über. Ich hielt einen der wenigen noch „freien“ Briefe Albrecht Dürers an Pirckheimer aus Venedig in der Hand, der dem Sammler soeben in der Vente zugeschlagen worden war zu einem exorbitanten Preis. Die charakteristische Schrift Dürers lief über die Seite, eine kleine Zeichnung unterbrach das hieroglyphische Bild, das sich erst langsam zu Wortbildern, Buchstaben, Sinn und Sprache umformte. Der Kontrast zur Umgebung, die strengen, von Cocteau so geliebten Linien des Palais Royal, die gebändigte Gartenkunst, selbst der blaue Himmel diente dazu, die Schriftzeichen gotischer, deutscher, dürerischer empfinden zu lassen. Ich gratulierte, wußte ich doch, in welches kleine Behältnis der Sammlung das Blatt gelangen würde, wo zwei Rembrandtbriefe an Huyghens, den Sekretär des Prinzen von Oranien (allergrößte Seltenheiten), Briefe von Rubens und kleineren Sternen es erwarten würden. Hier ergänzten Autographen eine große Handzeichnungssammlung aus dem richtigen Gefühl, daß der tiefste Reiz der Zeichnung im elementaren Rhythmus liegt, der sich mit der Natur oder der Vision funkensprühend begegnet, und daß dieser Rhythmus in der Handschrift als noch reineres Elixier sichtbar wird.

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Die Geister der deutschen Klassik waren nie näher als in der Mansarde des Stammhauses der Brockhaus, als Marianne Brockhaus an einem langen Winterabend mit vielen anderen Schätzen einen Brief Schillers an Körner nach dem anderen hervorholte. Zügig lief die kühne Schrift über die dünnen Büttenblätter, in denen noch der Streusand knisterte und die, gegen die altväterische Lampe mit grünem Schirm gehalten, kuriose Wasserzeichen preisgaben. Dann kamen Goethebriefe mit ihren weiten Schwüngen und schließlich die großartigen Bruchstücke des zweiten Faust in der vielleicht ausgeglichensten Altershandschrift der Großen, in diesem Falle den Rhythmus der Schrift mit dem nur Hörbaren der Sprache auf zwei verschiedenen Ebenen kontrastierend. Ein leichter, nicht sehr gerader Bleistiftstrich lief senkrecht über das Blatt; nach einer Bemerkung von Fräulein Brockhaus (die Otto Greiner in einer großen Lithographie so charakteristisch festgehalten hat) das Zeichen, daß dieses Bruchstück in dem vielstöckigen Gebäude des Faust II verbaut sei; eine ergreifende Gedächtnisstütze. Die Klassikerausgaben in den Biedermeierschränken rückten nach Betrachtung der handschriftlichen Zeugnisse um hundert Jahre näher, wurden von lebendigen Menschen geschriebene Bücher.

Kleine, an Fäden aufgehängte Metallkugeln schlugen das Saitenspiel an, das an der Tür des Arbeitszimmers von Dr. Kinsky aufgehängt war, der die Heyersche Musiksammlung in Köln aufbewahrte. Der heitere Akkord, der jedesmal erklang, wenn man die Tür öffnete, und der immer noch ein wenig in dem kleinen Räume nachklang, verbindet sich unvergeßlich mit dem Anblick der Musikerhandschriften, die aus straffen Büttenhüllen – der damals schon verstorbene Sammler Heyer hatte als Papierfachmann einen besonderen Sinn für das Griffige dieser Materie – auf behendeste Weise von seinem Berater Dr. Kinsky präsentiert und mit einer seltenen Verbindung von wissenschaftlicher Akribie und Empfinden für die Imponderabilien eines Autographs erläutert wurden. Beethovens hingeworfene Entwürfe, Mozarts noch aus barockem Formempfinden lebende Notenschrift, die handschriftlich freien Liederkompositionen der Romantiker, Brahms’ frei und schön im Raum stehende Notenschrift, Paganinis auch im Notenbild tobende und quirlende Sechzehntel, die fast unleserlichen, nur aus feinsten Punkten und Haarstrichen bestehenden Manuskripte von Richard Strauß – die Notenstecher pflegten respektlos von Fliegendreck zu sprechen – alle diese sehr charakteristischen Handschriften schienen rein graphisch schon zu musizieren. Dazu brachten die in den Vorderräumen stehenden Instrumente – Cembali, Geigen, Bratschen, Trompeten, Fagotte, Flügel – die musikalische Phantasie doppelt in Schwingung, konzertierten quasi mit. Den Gipfel allerdings und einer Umsetzung in Töne fast nicht mehr bedürftig, bildeten die Bachautographen, deren ausladende Bögen, Notenbalken und -köpfe Seite für Seite ein vollkommenes graphisches Bild, eine imaginäre Linienkontrapunktik ergaben.

Je näher eine Handschrift uns zeitlich liegt, um so leichter springt der in ihr verborgene Funke auf den Betrachter über, flammt die in ihr enthaltene Glut zum Feuer der noch atmosphärisch nahen Person auf.

An dem Abend eines Jahrestages von Rilkes Tod sollte aus den Duineser Elegien gelesen werden. In dem vom Hackschen Hause der Karl-Tauchnitz-Straße hatte sich ein in achtungsvollem Schweigen verharrender Kreis von jüngeren Leuten um die ehrwürdige Dame versammelt, die Mittelpunkt und Triebkraft dieser Gedenkstunde war. Doch noch ehe man sich um den nie entzündeten Renaissancekamin setzte, trat Professor Anton Kippenberg ein, Bewahrer vieler Handschriften unserer Zeit, und sagte: „Wir können aus dem Manuskript lesen.“ Die Stimme des Lesenden bekam, indem er die Worte über dem Buchstaben von Dichters Hand formte, einen bis dahin nie gehörten Klang, eine Bluttransfusion schien vorgenommen: Des Dichters Geist war anwesend, der Schlüssel mit der Handschrift gegeben, die schweren Schlösser der Dichtung sprangen auf, die schwierigsten Stellen erklangen einleuchtend klar. Später ging die Handschrift reihum. Es war eine Reinschrift, die den festen Rilkeschen Grundstrich nur hie und da durch Schwünge und Schleifen auflockerte. Von einer der Elegien aber hatte der Professor die Urschrift mitgebracht, krakelig-große Bleistiftbuchstaben tanzten wie in Trance über die großen Blätter. Das „Diktat“, und wie schwer es auszuhalten war – der Dichter hatte in seinen Briefen mit diesen Worten von dem einmaligen Vorgang gesprochen – war nun jedem Auge in diesem Stenogramm Gottes ersichtlich.

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Gesammelter Besitz war es, zum Teil längst zerstreut, der diese so verschiedenen Erlebnisse auslöste, jeweils den Weg in eine eigene künstlerische Sphäre öffnend. Jedesmal hatte ein anderer geistiger Kern Kraft genug besessen, aus der inspirierten Materie der Handschrift ein herrliches, vielfach funkelndes Kristall zu bilden, dessen Strahlungen Geist, ja Seele des Betrachters zu durchdringen vermochte. Daß auch heute diese Möglichkeit für einen ernsthaften Sammler, ja auch für den Liebhaber besteht, der nur hin und wider einen kleinen Betrag entbehren kann, um ein handschriftliches Dokument eines geliebten Dichters, Musikers oder Malers in seinen Besitz zu bringen, haben die Winterversteigerungen gezeigt. Sowohl die Auktion von Dr. Hauswedell in Hamburg wie die von Dr. Karl in München enthielt je eine Abteilung Autographen. Freihändig war ein schöner Kleistbrief – eine höchst modern wirkende, sehr individuelle Handschrift – bei einem Frankfurter Antiquar zu sehen, während bei Hellmuth Domizlaff in München kostbare Musikerautographen vorkamen. Der Spezialist des Gebietes in Deutschland ist der ebenso geistvolle wie witzige Günther Mecklenburg, Inhaber des früher in Berlin, jetzt in Eutin angesiedelten Antiquariates von I. A. Stargardt. Er versendet regelmäßig sehr persönlich gehaltene Werbekataloge, die, mit genauen Einzelangaben versehen, zur Orientierung auch des beginnenden Sammlers dienen können (Katalog 481, Musikerautographen und -Porträts; 482, Goethe und sein Kreis, 484/85 Autographen aller Gebiete). Sie vermitteln mit ihren Zitaten und Abbildungen eine Vorstellung von einer heute möglichen Autographensammlung „dem unschuldigsten Zauberkreis“ – nach Goethes dort zitiertem Wort –, „abgeschiedene oder entfernte Geister heranzuziehen.“