Am Rande eines ausgedehnten Werkgeländes im Westen der Stadt Frankfurt steht, an der Bahnstrecke nach Köln, ein gewaltiger grüngrauer Betonklotz. Es ist der Stickstoff-Silo der Farbwerke Höchst. 62 000 t Düngemittel können über ein Fließband in diesen Silo hineingebracht und dort gelagert werden. Überblickt man von diesem mächtigen Klotz die Gesamtanlage, so sieht man eine fast verwirrende Menge von Werkhallen älterer und moderner Bauarten, Säuretürme und Kugelbehälter, überdimensionale Kessel, eine Unzahl von Rohrleitungen aller Größen, Geleiseanlagen der Bundesbahn und der eigenen Werkbahn, daneben die Gebäude der Laboratorien und Baulichkeiten, die der Verpackung, dem Versand und den kaufmännischen Abteilungen vorbehalten sind.

Das ist das heutige Bild eines Unternehmens, das im Jahre 1862 von zwei Chemikern und zwei Kaufleuten gegründet wurde, um mit bescheidenem Kapital die Herstellung von Anilin-Farben aufzunehmen. Als im gleichen Jahr der Fabrikbau bei Höchst am Main, einem damals unbedeutenden Städtchen in der Nähe von Frankfurt, begonnen wurde, und der Betrieb 1863 mit fünf Arbeitern, einem Chemiker und einem kaufmännischen Angestellten seine Tätigkeit aufnahm, ahnte wohl keiner, daß aus den „Farbwerken Meister, Lucius und Brüning“ ein Unternehmen werden würde, das auch nach der Herauslösung aus dem IG-Konzern alle anderen an Größe und Bedeutung überragt.

Schon auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1867 war die Höchster Fabrik mit 30 verschiedenen Farben vertreten. Sie brachte die ersten Fuchsine hervor und entwickelte später neben vielen anderen synthetischen Farbstoffen auch ein eigenes Indigo-Verfahren. Im Jahre 1878 war sie unter den ersten, die ein Patent auf Azo-Farben erhielt. Es war das erste Reichspatent von den vielen, die folgen sollten.

Um in den Ausgangsstoffen der Produktion unabhängig zu werden, wurden bald eigene Anlagen für die Erzeugung der Ursprungs-Chemikalien (Schwefelsäure, Chlor, Natronlauge) errichtet. Die Produktionsgebiete dehnten sich weiter aus; über schwierige zeitnehmende Etappen führte der Weg zur Herstellung der weltbekannten Arzneimittel „Höchst“, wie Antipyrin, Pyramidon, Novocain, Salvarsan, Neo-Salvarsan, Panflavin, Polamidon und viele andere mehr.

Immer breiter wurde in den kommenden Jahren die Grundlage des Unternehmens. 1880 war es in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden, deren Aufsichtsrat von den bisherigen Inhabern gebildet wurde. In das Fabrikationsprogramm waren Düngemittel, Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel, Lackrohstoffe, Kunststoffe, Lösungsmittel, Hilfsmittel für die Textil- und Lederindustrie, Kühlmittel, Baustoffe, chemische Zwischen- und Halbfabrikate und vieles andere einbezogen. Auch hier steht die Forschung voran. Gerade für das Gebiet der Landwirtschaft sind ständig Forscher, Chemiker und landwirtschaftliche Praktiker in den Laboratorien und Versuchsanlagen dabei, dem Landwirt und Gärtner die besten Hilfsmittel zur Steigerung des Bodenertrages und zur Bekämpfung der tierischen und pflanzlichen Schädlinge zu schaffen. Die Belegschaft wuchs von 2200 Personen im Jahre 1888, nach 25jährigem Bestehen, auf 8500 nach 50 Jahren und 9500 nach 75 Jahren. 1949 waren über 400 Chemiker, Ärzte, Apotheker und Physiker in den Höchster Werken mit den wachsenden Aufgaben der Forschung und Technik betraut.

Nach 1945 stand die neue Werkleitung vor einem schwierigen Wiederaufbau. Die Stillegung von Betriebsstätten, die Beschlagnahme bisheriger Gebäude für betriebsfremde Zwecke, Teildemontagen und die Zerreißung der bisherigen Geschäftsverbindungen hatten das Unternehmen hart getroffen. Trotz vieler Versuche eines alliierten und eines deutschen Ausschusses, das IG-Problem zu lösen, ist die endgültige Entscheidung immer noch in der Schwebe.

In Höchst hat die Zahl der Betriebsangehörigen den Friedensstand mit über 9000 Werksangehörigen heute wieder erreicht. Die wissenschaftlichen Forschungsstätten sind nach wie vor die Grundpfeiler für die Produktion. Neben einer ganz neuartigen Produktionsanlage für Kalkammonsalpeter ist eine Neuanlage für die Großherstellung von Penicillin errichtet worden, die unmittelbar vor der Fabrikationsaufnahme steht. Auch die seit vielen Jahrzehnten vorbildlichen sozialen Einrichtungen sind zum großen Teil wieder aufgebaut.

Ein großes Werk ist hier bemüht, die schweren Aufgaben der Gegenwart mit den Erfahrungen aus einer erfolgreichen Vergangenheit und mit Verantwortung gegenüber der Zukunft zu erfüllen. R. E. L.