Von Walter Hofmann

Der Verfasser, Dr. Walter Hofmann, der als Direktor der Frankfurter Bank mit den speziellen Bankaufgaben Frankfurts ebenso vertraut ist wie als Herausgeber der „Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen“ mit den Fragen des westdeutschen Kreditwesens, erweitert seine Betrachtung in Richtung auf ein standortmäßiges Plädoyer für die Stellung Frankfurts als Geldplatz, mit dem wir allerdings keine neue wirtschaftspolitische „Hauptstadtfrage“ auslösen wollen.

Das aus der Neuorganisation der deutschen Länder nach dem Zusammenbruch hervorgegangene Land Hessen, das in seiner jetzigen Form nicht an historische Traditionen anknüpft, hat zwei Schwerpunkte, und zwar Wiesbaden als Hauptstadt des jetzigen Landes und als Sitz der politischen Selbstverwaltung, und Frankfurt, das als zentraler Handelsplatz mit dem noch heute spürbaren Lokalkolorit der ehemaligen freien Reichsstadt eine starke wirtschaftliche Kraft ausstrahlt. Diese Stellung Frankfurts im westdeutschen Wirtschaftsorganismus ist nicht das Ergebnis organisatorischer Kunstgriffe, sondern ergibt sich aus der natürlichen geographischen Begünstigung der Stadt.

Das Kreditwesen folgt, seiner Bestimmung als Hilfsgewerbe der Wirtschaft entsprechend, der wirtschaftlichen Gravitation. Deshalb hat Frankfurt in seiner Stellung als zentraler Geld- und Börsenplatz ebenfalls eine Tradition, die – wiederum an das Messe- und Handelsgeschäft anknüpfend – bis ins 15. Jahrhundert zurückgeht und im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts Höhepunkte erreichte, als infolge der Initiative seiner Privatbankhäuser Frankfurt zum Mittelpunkt im internationalen Anleihegeschäft wurde. Wenn ehedem die Tratten und Ladescheine den Geruch der überseeischen Faktoreien und Lagerhäuser in die Kontore der Frankfurter Bankhäuser getragen hatten, so gaben sich jetzt die internationalen Finanzkreise in Frankfurt ein Stelldichein, und es wurde „Auszahlung Frankfurt“ auf allen internationalen Börsen gehandelt. Diese Entwicklung wurde eigentlich erst unterbrochen, als nach der Schließung des Bankhauses Rothschild im Jahre 1900 und im Verlaufe der starken Zentralisierung der wirtschaftlichen und politischen Kräfte zu Berlin in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg auch die Bankgeschäfte von konstruktiver Bedeutung und überlokaler Größe auf die Berliner Großbanken und die Berliner Zentralinstitute übergingen.

Frankfurt hat heute als Geldplatz nach dem Zusammenbruch des Reiches und nach der Ausschaltung der Berliner Zentralinstitute eine neue Doppelfunktion übernehmen müssen; es soll die seiner Bestimmung und den besonderen Zeiterfordernissen entsprechenden Aufgaben innerhalb des Landes Hessen erfüllen und ferner den zentralen finanzwirtschaftlichen Funktionen im Bereiche der Westzonen und deren weltwirtschaftlichen Verflechtungen gewachsen sein. Das ist der Grund dafür, daß die Bank Deutscher Länder als Notenbank der Westzonen ihren Sitz in Frankfurt a. M. genommen hat und daß auch die Landeszentralbank von Hessen, der die Aufgabe der zentralen Regelung des Geldumlaufs und der Kreditversorgung im Landesbereich obliegt, ebenfalls in Frankfurt a. M. beheimatet ist.

Das Bild des Frankfurter Kreditwesens selbst weist ebenfalls aus dem gleichen Grunde die Züge der erwähnten Doppelfunktion auf. In Frankfurt sind viele bodenständige Kreditinstitute aller Sparten mit begrenztem regionalem oder örtlichem Organisationsbereich und Tätigkeitsgebiet ebenso beheimatet wie verschiedene Institute, die ihre Funktion bewußt in einem überbezirklichen Rahmen suchen. Die ersten Vertreter des örtlich und bezirklich orientierten Typs sind die Sparkassen und gewerblichen und ländlichen Kreditgenossenschaften sowie ihre regionalen Zentralinstitute, die Zentralkasse südwestdeutscher Volksbanken AG., Zweigstelle Frankfurt a. M., die Genossenschaftliche Zentralbank GmbH., Frankfurt/Main, und ihr Spitzeninstitut die Deutsche Genossenschaftskasse, die – abgesehen von der neu gegründeten Deutschen Genossenschaftskasse – in ihrem Bereich auf eine lange Geschichte erfolgreicher Tätigkeit im Dienste von Handel und Gewerbe zurückblicken. Angesehene Privatbankfirmen, deren älteste schon über 400 Jahre bestehen, versehen ihren Dienst an der Wirtschaft ihres Kundenbereiches, und neue Namen, die auf manchem Firmenschild auftauchen, beweisen, daß die Aufgaben und Chancen des Bankiers, die seit je in der engen persönlichen Verbindung zum örtlichen Handel und Gewerbe gelegen haben, fortbestehen.

Einen empfindlichen Eingriff in die gewachsene Organisation des Kreditwesens des Landes Hessen wie auch der Stadt Frankfurt bedeutete die Dezentralisierung der ehemaligen Großbanken. Ohne eine ausreichende Klarstellung der rechtlichen Beziehungen der neuen Kreditinstitute zu den alten Aktiengesellschaften, aus denen sie hervorgegangen sind, wurden neue Gebilde geschaffen, die aus ihren verwaltungsmäßigen und organisatorischen Bindungen zu ihren Schwesterinstituten in den anderen Ländern der Westzonen herausgelöst wurden, um sie mit dem verzweigten Apparat ihrer Niederlassungen und Depositenkassen zu ausgesprochenen Regionalbanken zu machen.