Von Josef Marein

"Frankfurt stickt voller Merkwürdigkeiten"

(Goethe-Satz auf früherem Poststempel)

In Frankfurt am Main ist eine prominente Straße verschwunden, die prominenteste, die es hier gab; das ist sehr merkwürdig, weil es erst in der bomben losen Nachkriegszeit geschah. Die Straße war berühmt in der ganzen Welt, ebenso wie der Kurfürstendamm zu Berlin und die Wilhelmstraße in Wiesbaden. Sie hieß nach den früheren Kaisern ganz einfach "Kaiserstraße", jetzt heißt sie nach dem früheren Reichspräsidenten "Friedrich-Ebert-Straße". Aber das merkwürdigste an alledem ist, daß sich kaum ein Mensch um den neuen Namen kümmert. "Gehe Se grad naus die Kaiserstraß’ nuff", sagte ein Frankfurter Bürger einem Neuangekommenen, der ihn nach dem Weg gefragt hatte. Und in der Zeitung konnte man lesen, daß nächtens in der Kaiserstraße im Kreise emsiger Übernachtungsmädchen" ein langgesuchter Kokain-Händler sei gefunden, gefesselt und abgeführt worden. Solches geschah in der "Friedrich-Ebert"-, alias "Kaiserstraße", welche die Hauptstraße von Frankfurt ist, dieser alten demokratischen Kaiserstadt. Unter uns: Es geht dort nachts noch immer ziemlich hoch her... Hoch her ging es ja auch, wie man hört, in jener Stadtverordnetenversammlung kurz nach Kriegsende, in der die "Kaiserstraße" aus puren demokratischen Rücksichten in die "Ebert-Straße" verwandelt wurde. Später kritisierten die Bürger heftig diese Verordnung ihrer Verordneten. Und heute ist kein Zweifel mehr, daß viele, die aus demokratischen Gründen wacker für die Umwandlung stimmten, zukünftig reaktionär – wenigstens was diesen Straßennamen angeht – stimmen würden. So steht zu erwarten, daß dermaleinst die "Ebert-Straße" wieder "Kaiserstraße" heißt. Denn daß es nicht klug sei, den Namen einer weltberühmten Straße zu ändern, haben inzwischen viele Frankfurter eingesehen, die herausfanden, wie unpraktisch oft ideologische Rücksichten sind.

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Obwohl in keiner Biographie des genialen Mannes zu lesen steht, daß Beethovens Beziehungen zu Frankfurt besonders eng gewesen seien, will die Stadt ein Denkmal für diesen neben Goethe größten Deutschen aufstellen. Das Denkmal ist von Kolbe –: erlauchter Name, aber Fachleute sagen, dies sein Werk sei keine Huldigung, sondern leider platter glatter ... Kitsch. Während die Stadtväter sich die Köpfe zerbrechen wohin mit ihm, ist das Monument im Städel ausgestellt. Es erntet bei den Frankfurtern viel Beifall, doch nicht so viel, daß sie es über sich brächten, sich dem Kolbeschen Beethoven-Mal zu Liebe von ihrem "Schweizerhäuschen" zu trennen. Dies Häuschen, ein munteres rechtes Knusperhäuschen, steht in einer besonders romantischen Ecke der städtischen Anlagen, seitdem ein Frankfurter Bürger, der die Schweiz genau so liebte wie seine Vaterstadt, es dort errichten ließ, weil er mitten im Grünen und mitten im Herzen der Metropole gemütlich Kaffee trinken wollte. Gefragt, ob sie an dieser Stelle nicht lieber das neue Beethoven-Denkmal sehen wollten, ließen die Frankfurter keinen Zweifel daran, daß sie am Althergebrachten hängen. So hat in unseren unsicheren Tagen ein sicheres Gefühl für Tradition eine Frage positiv entschieden, die eigentlich ein Anliegen des Kunstgeschmacks hätte sein müssen. Obwohl die Bomben dafür sorgten, daß in Frankfurt an freien Plätzen kein Mangel ist, blieb ungewiß, wo die in symbolfreudigem Kolossalstil gehaltene Huldigung für Beethoven nun aufgestellt werden soll, sofern sie denn überhaupt aufgestellt werden muß...

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