In 50 Gemeinden, des Rheintals zwischen Basel und Breisach stehen die Bauern vor dem Ruin. Ihre Obstgärten vertrocknen. 80 v. H. der Früchte fallen vorzeitig ab. Was geerntet werden, kann, Ist klein und kümmerlich. Die Zeit der Vater, in der das fruchtbare und reiche badische Rheinufer Kirschen und Pflaumen, Pfirsiche und Aprikosen in großen Mengen nach England and der Schweiz exportierte, scheint den Söhnen heute wie ein Märchen. Sie entsinnen sich noch aus ihrer Jugend, daß man in dem sanften und milden Klima dreimal im Jahr das Gras schnitt und Heu machte, auf den gleichen Wiesen, die heute mit Mühe einen Schnitt erbringen. Der Viehbestand Ist deswegen auch um 50 bis 70 v. H. zurückgegangen. Denn die Sommerweiden und das Winterfutter reichen nicht mehr aus, und Versuche mit Anbau von Ersatzfutter, wie Luzerne und Lupine, Sind fehlgeschlagen. Weniger Vieh, weniger natürlicher Dünger: so geht auch der Ackerbau zurück, die Erträge der Ernten werden immer geringer und mit ihnen die Einnahmen der Hofbesitzer. Es reicht kaum mehr für die Reparaturen an den Gebäuden, und die einst stattlichen Gehöfte werden unansehnlich und verfallen. Niemand hilft den Bauern. Sie zahlen weiter ihre Steuern nach einem Einheitswert, der noch aus der guten Zeit stammt. Nur mit Mühe haben sie eine Erleichterung bei der Zahlung der Soforthilfe erwirkt. Eine reiche und sonnige deutsche Landschaft, doch die in ihr wohnen, gehen allmählich aufrunde.

Was geht hier vor? Gibt es in unserem Zeitalter der Bezwingung aller Naturkräfte keine Möglichkeiten, diesem Verfall der Fruchtbarkeit Einhalt zu gebieten?

Versetzen wir uns in die Zeit vor 100 Jahren! Damals floß der alte Strom des Oberrheins in zahllosen Windungen und umgeben von einem Gewirr von Seitenarmen behäbig und gemächlich zu Tale. Die Ufer waren bis tief ins Land hinein von herrlichen Auewäldern bedeckt, Wäldern aus Eichen, Linden, Ahorn und anderen Werthölzern. Die Nebenarme wimmelten von Fischen, und Tausende von Familien lebten von der Fischerei. Das war die Zeit, in der die Dienstmädchen am Rhein in ihren Kontrakten die Bestimmung aufnahmen ließen: „Nicht mehr als einmal die Woche Rheinsalm“. Allerdings, der Rhein war ein Urstrom in dieser Zeit. Bei Hochwasser im Frühjahr und Sommer reichte sein Gefälle nicht aus, die Wassermoos fortzuführen, und so überschwemmte er seine Ufer. Siedlungen und Landwirtschaft begannen daher erst tiefer landeinwärts, und aus alten Krankenhausregistern ergibt sich, daß die Mehrzahl der Patienten an Malaria litt.

Dann kamen die Wasserbautechniker. Für sie gab es nur ein Problem: das Wasser zurückzudrängen, so wie es für uns, ihre Erben, heute in vielen Teilen der Welt nur ein Problem gibt? das Wasser auf dem Lande zu halten. Die Ingenieure vom Wasserbau, an ihrer Spitze In-Oberrhein-Spezialist Tulla, arbeiteten bereits in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts Regulierungs- und Begradigungspläne für den Rhein aus, die seinen Lauf zwischen Basel und Bingen um ganze 100 Kilometer verkürzten und die Seitenarme größtenteils durch Dämme absperrten. Jetzt war das Gefälle um vieles stärker geworden, der Strom floß schneller, und die Überschwemmungen ließen nach. Viel neues Land wurde an den Ufern gewonnen, Land, das der Schlick von Jahrhunderten von Überschwemmungen reich und fruchtbar gemacht hatte. Auch die Malaria verschwand, das Ziel schien erreicht; die Millionen, die das Tullasche Projekt gekostet hatte, würden reiche Zinsen bringen.

Aber es kam ganz anders. Die „verbesserte“ Natur begann in unerschütterlicher Eigengesetzlichkeit ein neues Spiel von Ursachen und Wirkungen. Durch die gewaltige Verkürzung des begradigten Rheins mußte das ganze Flußbett tiefer gelegt werden, teilweise um zwei Meter. Das hatte zur Folge, daß das Grundwasser der Ufergebiete zu sinken begann. Denn das Grundwasser steht ja mit den stehenden und fließenden Gewässern in direkter Verbindung. Auf die Dauer steigt und fällt es mit ihm, und die ganze Vegetationsdecke des Landes ist auf dieses Grundwasser eingestellt. Zuerst fiel es am Oberrhein nur langsam, etwa sieben Zentimeter im Jahr, dann aber immer schneller. Dazu kam, daß der mit stärkerem Gefälle schneller fließende Rhein begann, am Boden des Flußbettes zu nagen und sich selber tiefer in die Erde zu fressen. Auf diese Weise sind am Oberrhein bisher etwa 60 Millionen Kubikmeter Kies und Sand in Belegung gesetzt worden. Überall dort, wo flußabwärts der Rhein breiter und damit langsamer wird, lagert sich dieses Geschiebe wieder ab und schafft damit seinerseits unerwartete Probleme, Die eigentliche Gefahr liegt jedoch darin, daß in Gefolge der Regulierung und ihrer Auswirkungen das Bett des Oberrheins heute verschiedentlich an die zehn Meter tiefer liegt als in seiner „Urzeit“ vor 100 Jahren und daß der Grundwasserstand der Ufergebiete ebenfalls um fünf bis zehn Meter gesunken ist.

Die Natur arbeitet immer langsam, und so zeigten sich die Folgen dieser wasserwirtschaftlichen Wandlung in der Struktur der Landschaft nur allmählich, Als erste bemerkten Botaniker und Zoologen um die Jahrhundertwerde gewisse bedrohliche Anzeichen der Veränderung: die Sumpf- und Wassergewächse nahmen nach Arten und Zahl ab. Trockenpflaumen und Steppengräser fanden sich allenthalben ein. Von inselartigem Vorkommen – etwa auf dem „Isteiner Klotzer“ – verbreiteten sich jene Sorten von Insekten, die die Trockenheit lieber, über das dürre werdende badische Land am Rheinufer. Wo es bisher Wasser- und Kolbenkäfer gab, liefen jetzt Sandlaufkäfer herum. Frösche und Kröten verschwanden, Eidechsen nahmen zu. Die Vogelstimmen in den Wäldern verstummten mehr und mehr. Aber die Warnungen der Biologen wurden von den Lobeshymnen überstimmt, mit denen die Wasserbautechniker ihr „segensreiches“ Trockenlegungswerk immer noch priesen.

Das erste wirkliche Sturmzeichen erhielt die Forstwirtschaft. Von Basel bis Breisach und auch noch darüber hinaus war der Rheinstrom, wie gesagt, eingehüllt in einen strotzenden Auewald, der in ein bis zwei Kilometer Breite auch das ganze badische Ufer in Länge von etwa 50 Kilometer bedeckte: 8000 Hektar wertvollsten Laubwaldes, Als die Überschwemmungen aufhörten, begann der Wald abzunehmen. Dann sank der Grundwasserspiegel, und die wasserbedürftigen Baumarten, zeigten Krankheitserscheinungen und starben ab. Immer mehr Arten fielen aus, andere verkümmerten, und der geschlossene Wald wurde durchsichtig. Die Forstleute schlugen fast nur noch absterbende Stämme; aber was stehenblieb, wuchs, weil das Wasser fehlte, nicht mehr weiter. Unbrauchbare Gewächse begannen die Lücken zu füllen, Dornbüsche, Sanddorn und Steppenpflanzen. Und heute ist es tatsächlich soweit, daß man am ehemals gesegneten Oberrhein an vielen Stellen in der afrikanischen Dornbuschsteppe zu stehen meint. Und dieser-ganze Zusammenbruch einer Landschaft in weniger als 100 Jahren geschah, weil man glaubte, im Rheintal Ordnung schaffen und den Stromverlauf korrigieren zu müssen! Die badische Forstverwaltung hat jahrzehntelang diesem unaufhaltsamen Niedergang eines ihrer schönsten Waldbestände zuschauen müssen. Jetzt hat sie mit großer Energie damit begonnen, einen neuen Waldtyp aufzubauen, der so zusammengesetzt ist, daß er sich trotz der Versteppung des ganzen Gebietes und trotz des abgesunkenen Grundwassers halten kann. Er wird überwiegend aus schnell wachsenden Trockenpappeln bestehen und teilweise auch aus Nadelhölzern. Aber man wird viele D-Mark aufwenden müssen, bis die Wiederaufforstungen wirklich Erfolg haben sollten. Und sie werden überhaupt nur dann durchführbar sein, wenn die Boden- und Wasser Verhältnisse sich nicht noch weiter verschlechtern.