Berlin, Ende Januar

Wenn auf der Bühne des „Deutschen Theaters“ in Berlin (diesmal in den Kammerspielen) ein amerikanischer Autor gespielt wird, geschieht es aus politischen Gründen. Dies verrät auch der Theaterzettel zu Clifford Odets „Golden Boy“, damit das Publikum nicht etwa ein Stück, zur Kenntnis nehme, in dem ein bühnensicherer Amerikaner gut umrissene Charaktere in eine volkstümliche Fabel stellt, sondern möglichst eine Belehrung über das grausam-geschäftstüchtige, seelenmordende Amerika profitiere. Doch so weit geht selbst der Regisseur Langhoff nicht. Er läßt den jungen Boxer mit dem Geigerherzen, den nur Sucht nach Geld und Geltung und die – sich dieser Sucht freilich mit Witterung annehmenden – Geschäftemacher von seiner musischen Begabung wegtrei! n, ohne Pathetik und sympathisch durch den bunten Bilderbogen des Stückes gehen und erlaubt auch der kleinen Randfigur des Gewerkschaftssekretärs (dem vielleicht der östliche politische Wille einen Ansatzpunkt zum Tendenziösen gäbe), nicht lauter zu werden als alle anderen Beteiligten: Der menschlichwarme Boxervater, der taxisüchtige Schwager, das müde, gefallene Mädchen mit dem schließlich gebrochenen Herzen.

So kam eine Aufführung zustande, in der Karl Paryla aus Wien und Hortense Raky, seine Frau, einem etwas resignierten amerikanischen Realismus, zu einer gut anzusschauenden Szene verhalfen. Und es zeigte sich, daß die vielfältige Menschenlandschaft dieses amerikanischen Milieus zwischen Sport, Geschäft und höheren Absichten eindringlicher wirkte als die gewollte politische Absicht der Inszenatoren. Karl Wilbe