Dr. Kurt Pentzlin (Hannover) überrascht seine Freunde nicht nur mit der Ankündigung zweier Buchpublikationen („Rationelle Produktion“, Verlag Karl Bäsch, Kassel, und Verlag C. Hauser, München), sondern auch mit einem prima vista verblüffenden Vorschlag, Lohnerhöhungen durch Abschreibungsfreiheit zu ermöglichen, zugleich auch in ihrer konjunkturpolitischen Wirkung zu potenzieren. Wir veröffentlichen hier seinen Vorschlag, mit dem Bemerken, daß der gleiche Gedanke bereits durch Finanzminister Dr. Strickrodt (in der „Kölnischen Rundschau“) und durch Dr. Bredt-Hannover, den bekannten Rationalisierungsfachmann (in der „Frankfurter Allgemeinen“) zur Erörterung gestellt worden ist.

Das Tauziehen um höhere Löhne hat wieder begonnen, und zwar wohl zum ersten Male in der Geschichte in einer Zeit steigernder Erwerbslosigkeit bei stabilen oder gar sinkenden Preisen. Mit dem Bergbau fing es an. Die DKBL hat es riskiert, als Vorleistung auf eine kommende Leistungssteigerung eine Lohnerhöhung um 9 v.H. zu gewähren und damit im Kostenaufbau der Kohlenförderung einen Fehlbetrag in Kauf zunehmen, der sehr bald wieder abgedeckt werden, muß. Wie nicht anders zu erwarten, haben sich darauf sofort die Metallarbeiter gemeldet und ihre Forderungen auf Lohnerhöhung mit Aufbesserungen in anderen Industriezweigen begründet. In verschiedenen anderen Branchen sind die bestehenden Lohnabkommen bereits gekündigt; bei den Hafenarbeitern wurden die Löhne bereits um 17 v. H. erhöht.

Abgesehen davon, daß man mit den alten „Branchenlöhnen“, die sich immer aneinander emporranken, nie mehr eine vernünftige Lohnpolitik machen kann: das brüchige Lohngefüge beginnt also jetzt aus den Fugen zu gehen. Und dabei sind sich alle Beteiligten (einzeln angesprochen) darüber klar, daß es nur eine Frage der Zeit ist, wann bewilligte oder erkämpfte Lohnerhöhungen wieder auf die Preise abgewälzt werden – wenigstens solange die Lohnpolitik alten Stiles weitergemacht wird.

Die impulsive Äußerung des Gewerkschaftsführers Kummernuß, daß die Gewerkschaften entschlossen seien, alle bestehenden Lohnabkommen (soweit es deren Laufzeiten zulassen) zu kündigen, weil die Arbeiter seit der Währungsreform „vergeblich auf ein Sinken der Preise gewartet“ hätten, ist von der Gewerkschaftsleitung widerrufen worden. Aber dieser offiziöse Widerruf erscheint nicht sehr dauerhaft, wenn gleichzeitig der Bundesausschuß des DGB erklärt, es stünde außer Zweifel, daß die Marktwirtschaft mit ihren eigenen Kräften der Beschäftigungs-Probleme nicht Herr zu werden, vermöge, daß vielmehr die Arbeitslosigkeit zu ihrer Funktion gehöre. Die SPD geht sogar noch weiter; sie wirft der Bundesregierung nicht bloß vor, daß sie die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bisher bagatellisiert und dilatorisch behandelt habe, sondern sie behauptet sogar, daß es sich da weniger um einen Mangel an Aktivität, als vielmehr um die Folgen einer bewußten Politik handele, um so ein Dogma zu retten. Diese beiden Äußerungen beeinflussen entscheidend die Atmosphäre, in der die künftigen Lohnbesprechungen geführt werden.

Demgegenüber weist das Unternehmertum mit mindestens ebenso guten Argumenten darauf hin, daß die Exportfähigkeit der deutschen Wirtschaft von den Lohnkosten abhängig ist. Und der Lohnpolitische Ausschuß der Vereinigung der Arbeitgeberverbände stellte auf seiner letzten Tagung gerade im Hinblick auf den Ausnahmefall des Bergbaues fest, daß der Lohnstand im allgemeinen nicht angehoben werden dürfe, und befürwortete grundsätzlich eine Politik des Stillhaltens, um allgemeine Preiserhöhungen zu vermeiden.

Obwohl die Argumente der beiden Seiten in Verhandlungen, nach Temperament und Branche verschieden, mit zunehmender Schärfe vertreten werden, stellt man in Gesprächen mit einzelnen Lohnpolitikern der einen oder der anderen Seite immer wieder fest, daß die Auffassungen über die gegenwärtige Lage und ihre Deutung gar nicht so stark auseinandergehen. Man ist sich ziemlich einig darüber, daß wir in Deutschland immer noch – und das ist kein Wunder, da erst anderthalb Jahre nach der Währungsreform vergangen sind und der westdeutsche Wirtschaftsorganismus trotz Marktwirtschaft mit vielen seiner außergewöhnlichen Belastungen noch nicht fertig werden konnte – ein überhöhtes Preisniveau haben. Man weiß, daß trotz der beträchtlichen Angleichungserfolge zwischen den Löhnen und Preisen immer noch ein gewisser Abstand vorhanden ist (über dessen Größe sich die Statistiker streiten), und daß die Lohn-Preis-Schere nicht allein mit der Behauptung geschlossen werden kann, daß wir den Krieg verloren haben.

Der Unterschied in der Auffassung wird erst bei den Folgerungen deutlich: die Gewerkschaftsseite glaubt, mit ihren Forderungen auf Angleichung nicht länger warten zu können, obwohl sie weiß, daß eine Nominallohnerhöhung nur eine ganz vorübergehende Verbesserung des Lebensstandards bedeutet, wenn sie doch in absehbar kurzer Zeit wieder auf die Preise abgewälzt werden kann und wird. Und die Arbeitgeberseite weiß, daß diese letzten Lohnerhöhungen (als Abschluß eines Angleichungsprozesses) vor Beginn einer echten „Politik der stabilen Löhne“ nur dann betriebswirtschaftlich und gesamtwirtschaftlich zu verantworten und zu tragen sind, wenn sie in der Kalkulation selbst verkraftet werden können. Das ist aber bisher nie möglich oder üblich gewesen, weil lohnpolitische Maßnahmen immer oder fast immer isoliert und einseitig durchgeführt, wurden.