Daß bei einer Uraufführung mehrfach begeisterter Applaus bei offener Szene einsetzte, ist heutzutage etwas so Seltenes, daß man es vorweg erwähnen muß. Und dies ereignete sich in Georg Kaisers „Napoleon in New Orleans“ im Staatstheater Karlsruhe.

Das Wenk gehört in die Reihe der nachgelassenen Dramen Georg Kaisers, von denen in dieser Spielzeit in Bochum „Die Spieldose“, in Mannheim „Agnete“ bereits zur Aufführung gelangten. So erreicht – wie vor 1933 – Georg Kaiser wieder jenen Rekord, der meistgespielte deutsche Autor zu sein. Die Handlung dieses neuen Stückes fußt auf der Napoleons-Legende, daß treue Anhänger den Kaiser aus seiner Gefangenschaft auf Sankt Helena befreiten, indem ein Doppelgänger in freiwilliger Verbannung dessen Rolle heimlich übernahm, um durch sein Opfer dem vergötterten Helden die Freiheit zu schenken. Der Stoff wurde vor einigen Jahren bereits einmal in einer Fassung des österreichischen Schriftstellers Eugen Linz auf die Bühne gebracht (vergl. „Die Zeit“ vom 15. 7. 48). Georg Kaiser konzentriert die Handlung auf eine Gaunerfigur, die als angeblich befreiter Napoleon auftritt. Ein in den Südstaaten der USA lebender Adliger sammelt als fanatischer Anhänger des Kaisers Trophäen seiner Taten und seines Lebens. Er gerät in die Klauen einer Verbrecherbande, die Napoleon angeblich selbst befreit oder besser vertauscht, um sich mit diesem gelungenen Streich als „Kaiser und sein engstes Gefolge“ im Palais Hector Dergans einzunisten. Es werden in diesem Stück nicht wie bei Eugen Linz nur ahnungslose Narren von einer realen Gestalt getäuscht, sondern Georg Kaiser zeichnet in der Gestalt des Baron Dergans den Don Quichote des totalen Krieges, wie er diese Figur selbst einmal charakterisiert hat, jenen gefährlichen Narren, der um des Kultus einer blinden Heldenverehrung willen alles opfert, um neues Elend und neue Kriege zu entfachen. Hier koppelt Georg Kaiser mit der komödienhaften Anlage des Werkes eine entscheidende gesellschaftskritische Anklage und weiter so diese Figur zu Molièrscher Bedeutung aus. „Es bleibt mein Verdienst“, schrieb Georg Kaiser 1941, „diesen Typus festgenagelt zu haben, diesen blinden Verehrer des Krieges und der blutmorastigen Schlachtfelder.

Die Karlsruher Aufführung unter der Regie A. Fischeis zeigte ein starkes Profil, obwohl man sich nicht restlos zu Fischels Auffassung entscheiden konnte. K. F. Reinking