Als der junge sozialdemokratische Abgeordnete Karl Seitz in seiner Jungfernrede im niederösterreichischen Landtag der christlich-sozialenMehrheit übel zusetzte, rief ihm ein Gegner zu: „Daß ihr, die G’scheitern seid, wissen wir ja, aber wir sind die Mehrern...!“ Und demgemäß wurden Seitz und seine wenigen Parteifreunde jahrelang niedergestimmt. Doch konnte das weder seinen noch den Aufstieg der Sozialdemokratie; aufhalten. Als das Habsburger Reich zerfiel und das österreichische Bürgertum eingeschüchtert vor den Trümmern stand, wurde Karl Seitz der erste Staatspräsident des nun kleinen Landes, und sein Parteifreund Renner, heute Bundespräsident, verhandelte als Staatskanzler in St. Germain den Frieden. Bald darauf hatten die Bürger sich von dem Schrecken erholt und übernahmen wieder allein die Regierung. Nur die Hauptstadt blieb den Sozialdemokraten treu. Unerschütterlich wählten die Wiener eine sozialdemokratische Landtags- und Gemeinderatsmehrheit. Wiens Landeshauptmann und Bürgermeister war seit 1923 Karl Seitz.

In diesen Jahren hat er sich ein Denkmal gesetzt: er ließ, unbeirrt von einer erbitterten Kampagne gegen die „Sozilisierung der Wohnungswirtschaft“, in Wien Zehntausende von Arbeiterwohnungen aus Steuermitteln bauen. Und er wäre noch lange Wiener Bürgermeister geblieben, hätte nicht Dollfuß, um sich der Nationalsozialisten zu erwehren, das Parlament beseitigt und die politischen Rechte auch der sozialdemokratischen Arbeiterschaft so sehr eingeengt, daß es 1934 zu der berühmten Februarrevolte des Republikanischen Schutzbundes kam. Dollfuß schlug sie blutig nieder; damals feuerte Artillerie auf die hauptsächlich von Sozialdemokraten bewohnten städtischen Häuserblocks. Dann übernahm ein Regierungskommissar die Verwaltung der Millionenstadt. Seither war Seitz Privatmann.

Vier Jahre später marschierte Hitler ein. Manchmal sah man den immer sehr adrett, ja elegant gekleideten früheren Bürgermeister noch auf der Straße, jeder grüßte ihn, mancher mit erhobener Hand. Seitz dankte immer freundlich lächelnd mit dem Hut. 1944, als die Racheaktion der Nazis ihren Höhepunkt erreichte, kam auch er an die Reihe: das letzte Kriegsjahr verbrachte er im KZ. Dann kehrte er, von den Wienern freudigst begrüßt, nach Wien Zurück – ein alter Mann. In der vergangenen Woche ist er, achtzigjährig, an einem Herzschlag gestorben. H. A.