Von Jean Charlot-Saleck

Paris, im Februar

Der kürzeste Weg von Moskau nach Paris führt über Peking, Tokio und Calcutta.“ Am Quai d’Orsay wird man gewiß an dieses berühmte Wort Lenins gedacht haben, als die unglaubliche Nachricht eintraf, daß der Kreml seinen anamitischen Agenten, den Bandenführer Ho-Chi-Minh, der nicht einmal einen festen Wohnort geschweige denn eine Hauptstadt hat, als legale Autorität in jenem Teil Französisch-Indochinas anerkannt hat, der heute Viet-Nam heißt. Wie ist der Schritt der Sowjetregierung mit dem 1945 von de Gaulle so hastig abgeschlossenen und auf dem Papier noch immer zwischen Frankreich und Rußland bestehenden Freundschaftsbund zu vereinbaren? Die legale Regierung im östlichen Indochina ist die des Kaisers Bao Dai von Annam, dem Frankreich durch Beschluß des Parlaments die Souveränität übertragen hat. Das Land verbleibt im Rahmen der Union Française, die ihr eigenes Parlament in Versailles hat und die also ipso facto von der Sowjetregierung anerkannt ist. Juristisch gesehen, ist also die Anerkennung des Rebellen Ho-Chi-Minh, der sich im Aufruhr gegen die legale Regierung Bao Dais in Viet-Nam befindet, ein Angriff auf die Union Française und damit auf Frankreich, Der russische Botschafter in Paris hat die Protestnote des Quai d’Orsay gelesen und im geöffneten Umschlag als „unannehmbar“ dem französischen Außenministerium zurückgeschickt. Er hat auch den Besuch, zu dem er aufgefordert wurde, erst mit einem Tag Verspätung gemacht.

Für die Regierung Bidault, die sich soeben bei den qualvollen Parlamentskämpfen um das Staatsbudget mit knapper Not im Sattel gehalten hat und die nun angesichts des Rücktritts der sozialistischen Minister vor neuen Schwierigkeiten steht, ist damit eine weitere gewitterschwangere Wolke an einem Himmel aufgetaucht, den Stalin schon gerade genug mit Wolken verdunkelt hat Seit dem Besuch Mao Tse Tungs in Moskau hat Sowjetrußland die Offensive gegen Frankreich begonnen, diesen „Landungssteg für die Amerikaner“. Es besteht kein Zweifel, daß die Reise des neuen Potentaten von China und die Welle sozialer und politischer Hetze, von der Frankreich heimgesucht wird, in einem engen Zusammenhang stehen. Der kommunistische Gewerkschaftsbund C.G.T. peitscht seit Wochen seine Mitglieder zu Arbeitsniederlegungen auf, die oft gar nicht mehr mit Forderungen auf Lohnerhöhungen bemäntelt, sondern offen als Streiks gegen den „schmutzigen Krieg“ in Indochina proklamiert werden. In Fabriken, in denen Materialien hergestellt werden, die man, auch wenn es sich nicht um Waffen handelt, für Indochina bestimmt glaubt, kam es zu ähnlichen, rein politischen Arbeitsverweigerungen und Sabotageakten, so auch in den Häfen, wo die Kommunistische Partei durch die C.G.T. mit allen Mitteln die Ladung der nach Indochina gehenden Schiffe und damit die Verproviantierung der französischen und vietnamschen Truppen zu verhindern suchte. Allerdings ohne Erfolg, nur ein einziges Mal ist es in Marseille gelungen, die Abfahrt eines Schiffes um einen Tag zu verzögern.

Die militärischen und zivilen Behörden haben, wo dies notwendig war, die streikenden Hafenarbeiter durch Soldaten ersetzt, mit dem Ergebnis, daß manche Schiffe sogar vor der festgesetzten Zeit abfahrbereit waren und daß die Zahl der Streikenden von Fall zu Fall sank. Schon jetzt kann man sagen, daß diese politischen Streiks die C.G.T. einen großen Teil ihrer Anhängerschaft kosten wird. Immer breitere Schichten des Volkes, selbst wenn sie politisch sehr links stehen, fühlen sich abgetoßen von der Folgsamkeit, welche die französischen Stalinisten Moskau gegenüber zeigen, und die Erkenntnis nimmt zu, daß der Kreml tatsächlich alles darauf anlegt, um Frankreich politisch und wirtschaftlich zu schwächen und in den Augen Washingtons als unzuverlässig erscheinen zu lassen. Gewiß, der Guerillakrieg im fernen Indochina ist alles andere als populär, aber man hat auch nicht vergessen, daß Maurice Thorez, der Chef der französischen Stalinisten, Vizepräsident der Regierung war, als die Einsetzung französischer Truppen gegen Ho-Chi-Minhs Banden beschlossen wurde. Auch weiß man schließlich durch Urlauber und zurückgekehrte Verwundete von den bestialischen Greueltaten, die Ho-Chi-Minhs Leute bei gelungenen Handstreichen an den französischen und vietnamschen Soldaten und Zivilisten zu begehen pflegen.

In konservativen politischen Kreisen der französischen Hauptstadt hat man die Anerkennung Ho-Chi-Minhs durch Rußland eher begrüßt als bedauert. Man hofft, daß jetzt, da die Masken gefallen sind, Ho-Chi-Minh in seinem von Moskau verproviantierten Maquis nur noch auf die kommunistischen Fanatiker, nicht aber mehr auf die lediglich europäerfeindlichen Nationalisten rechnen kann, und daß die letzteren sich zu Bao Dai schlagen werden, dem die bevorstehende Anerkennung durch Washington und London die letzte Weihe als Souverän eines selbständigen Staates der Union Française geben wird. Andere jedoch befürchten, daß ganz Indochina das Objekt eines Handels zwischen Mao Tse Tung und Rußland geworden ist und daß die Anerkennung Ho-Chi-Minhs nur das Vorspiel einer von Moskau befohlenen Ausdehnung des kommunistischen Bandenkriegs auf die noch ruhigen Teile Westindochinas sei, wo alte Dynastien regieren, die in größter Freundschaft mit Frankreich leben. Gelänge es, ganz Indochina in Unruhe und Schwäche zu versetzen, dann wäre der Augenblick gekommen, in dem Mao Tse Tung, dessen-Truppen ja an den Grenzen des begehrten Territoriums stehen, im Einvernehmen mit Rußland einmarschieren könnte, und der Kreml hätte mit dieser Hilfe kostenlos einen Ersatz für die Nordteile Chinas, die er behalten will, geliefert.