Einen Tag vor der Urteilsverkündung im letzten Nürnberger Prozeß, dem sogenannten Wilhelmstraßenprozeß, erklärte das amerikanische Gericht, es werde angesichts der Menge und Unübersichtlichkeit des behandelten Stoffes in den USA erneut Zusammentreten, um das Urteil nach der Verkürzung noch einmal zu überprüfen. Dieses höchst ungewöhnliche Vorgehen war der Versuch gewesen, einen Ausweg aus einer unmöglichen Situation zu finden. Es war zwar – was wir um des Rechtes willen immer bedauert haben – in Nürnberg eine Revisionsinstanz, wie sie sonst im Gerichtsverfahren der westlichen Demokratien üblich ist, nicht vorgesehen, doch konnte die Verteidigung Verfahrensirrtümer und ungesetzliche Beschränkungen bei einem Gerichtshof anfechten, der aus allen in Nürnberg vorhandenen amerikanischen Tribunalen zu bilden war. Bei Abschluß des Wilhelmstraßenprozesses aber gab es in der Stadt nur noch dieses eine Tribunal. Um den Angeklagten ihr Recht nicht zu verkürzen, beschloß es daher, sich selbst als Beschwerdeinstanz über sein eigenes Urteil einzusetzen. Es forderte die Verteidigung auf, ihm Beschwerden einzureichen. Vor wenigen Tagen ist nun das neue Urteil des Gerichts, das in den USA tagte, ergangen. Bei den Angeklagten von Weizsäcker, Woermann und Steengracht van Moyland ist die Strafe von sieben auf fünf Jahre herabgesetzt werden. Von dem Vorwurf, einen Angriffskrieg vorbereitet zu haben, sind die angeklagten leitenden Diplomaten des Auswärtigen Amtes freigesprochen.

Wir wollen uns über diese Rehabilitierung freuen, wir wollen gewiß nicht nörgeln, aber wir müssen doch darauf hinweisen, daß das Urteil, dem von vornherein einer der drei beteiligten Richter widersprach, nun roch fragwürdiger geworden ist, seitdem auch die beiden anderen Richter innerhalb weniger Monate sich entschlossen haben, es in wesentlichen Teilen selbst aufzuheben. Steengracht und Woermann sind wenigstens, da sie ihre Strafe zeitlich bereits verbüßt haben, aus dem Gefängnis entlassen worden. Staatssekretär von Weizsäcker aber, dessen Untersuchungshaft kürzer gewesen war als die der anderen Angeklagten, soll noch bis 1951 in Landsberg bleiben.

Für viele Deutsche ist es ein sehr schmerzlicher Gedanke, daß dieser untadelige Mann, der niemals ein Nazi gewesen ist, noch länger gefangen bleiben soll. Noch ist das Urteil vom Hohen Amerikanischen Kommissar nicht bestätigt. Wir wollen, hoffen, daß er eine Möglichkeit sehen wird, auch Weizsäcker aus dem Gefängnis zu entlassen. Tgl.