Von Paul Lüth

In Frankfurt gibt es das Bürger-Hospital; es war während des Krieges Lazarett. Kranken und verwundeten Soldaten wollte man Lebensfreude in größeren, um nicht zu sagen: in massiven Dosen liefern. So hallte es denn nicht selten von schmissiger Tanzmusik im Hospital. Und zwar ließ man derartige Veranstaltungen in der Kapelle stattfinden, der Altar wurde währenddessen verhängt. – Dem „Spieß“ des Lazarettes fiel eines Tages auf, daß sich die Tanzkapellen gern unsymmetrisch gruppierten, und das mißfiel seinem auf Ausrichtung bedachten Sinn. Aber der Schlagzeuger widersprach – mit triftigen Gründen: Nur dort, wo er sitze, sei eine gute Resonanz, nur dort komme sein Trommelschlag voll und kräftig heraus. Indigniert musterte der Spieß diese hochqualifizierte Stelle. Erstaunt bemerkte er –: der Schlagzeuger thronte mit seinen Instrumenten auf der Grabplatte des alten Dr. Senckenberg. Das Grab des Dr. Senckenberg gab jene besonders gute Resonanz ...

Indes, so vergessen, wie es danach scheinen könnte, ist Dr. Senckenberg gar nicht. Was er ins Leben rief, ist keineswegs untergegangen. Das Senckenbergische Institut, diese weltberühmte naturwissenschaftliche Sammlung, wurde zwar im September 1943 stark beschädigt, der Nordflügel zerstört, der Lichthof, das Dach vernichtet – aber wenn man sich dem stattlichen Gebäude heute nähert, muß man sich anstrengen, die Beschädigungen noch zu erkennen. Man ist dabei wiederherzurichten. Das wissenschaftliche Matemal ist, glücklicherweise, ausgelagert gewesen und also zu etwa neunzig Prozent erhalten. In jedem Jahr will man einige neue Säle einrichten und der Öffentlichkeit freigeben. Dabei ist man auf eine ganz andere Schwierigkeit gestoßen, als sie der Gebäudeschaden bietet –: der Verlust der Vitrinen nämlich macht sich peinlich bemerkbar. Die Glasschränke zu ersetzen, kommt heute, nach der Währungsreform, beinahe teurer als die Wiederherstellung des Baues ...

Dabei ist das Senckenbergische Institut kein staatliches oder städtisches Museum, sondern eine private Stiftung, seit 130 Jahren unabhängig. Goethe rief einst dazu auf, die Ideen des Dr. Senckenberg zu verwirklichen, da „einer freien Stadt ein freier Sinn gezieme“. Seither hat die Senckenbergische Stiftung stets Freunde und Helfer gehabt; doch inzwischen ist die deutsche Industrie schwer geschädigt worden und kaum noch fähig, nennenswerte Hilfe zu leisten. So sieht es heute ernst aus für das Senckenbergische Museum – und nicht nur für dieses, auch das für die serologische Arbeit in Deutschland so unersetzliche Georg-Speyer-Haus, in welchem das Paul-Ehrlich-Institut untergebracht ist, steht, mit diesem zusammen, vor dem finanziellen Zusammenbruch, wie der Direktor des Paul-Ehrlich-Institutes anläßlich des 50jährigen Jubiläums des Institutes kürzlich feststellte.

Immerhin, im Frühjahr 1949 wurde der Lichthof des Senckenbergischen Institutes wieder eröffnet, mit einer – in Europa einzigartigen – Schau vorgeschichtlicher Tiere. Da sieht man die über zwanzig Meter lange Donnerechse, die dem Museum 1907 von einem amerikanischen Museum geschenkt wurde, das Dreihorn mit seinem riesigen Halsschild (das völlig zertrümmert war und von dem Präparator des Museums in mühseliger, ein halbes Jahr währender Arbeit wieder zusammengesetzt wurde), den Zitzenzahnelefanten mit seinen ungeheuren, nach oben gebogenen Stoßzähnen, den Säbeltiger, den Riesenhirsch (den „Scheich“ des Nibelungen-Liedes).

Der Direktor des Museums, Professor Dr. Mertens, verweist auf den in Westdeutschland, nach dem Ausfall Berlins, einzigartigen Rang der Bibliothek naturwissenschaftlicher Veröffentlichungen und darauf, daß das Museum – ebenfalls einzigartig in Europa – eine große Typensammlung besitzt: „Typen“ sind hier die Tiere, die der betreffende Naturforscher vor sich hatte, der sie zuerst beschrieb. Auf sie kommt man bei späteren Forschungen immer wieder zurück.

Und selbst hier, zwischen überdimensionalen Walfischkiefern. und Flugechsen-Relikten, zwischen den Knochen unserer Ahnen, merkwürdigen Wesen – merkwürdiger wohl noch als wir selbst –, selbst hier der Zugriff unseres technischen Zeitalters! Kein Fleck, wo nicht der technische, der nützbare Maßstab sich – in irgendeiner Art – durchsetzt. In einem der Säle ist die im Kriege begonnene, gründlich freilich erst jetzt eingerichtete mikropaläontologische sehe Sammlung ausgestellt. Im Kriege begonnen – damals nämlich interessierte man sich sehr für die Tatsache, daß das Erdölvorkommen stets durch gewisse Mikroorganismen angezeigt wird, durch bestimmte Foraminiferen und Ostracoden. Und so fing das Museum denn an, diesen Zusammenhängen nachzuspüren und sie auch ausstellungsmäßig sichtbar zu machen. Der damalige Direktor, Professor Dr. Richter, wurde denn auch in Rumänien von den Ereignissen des Zusammenbruchs überrascht und dort interniert ...