Von Bürgermeister Walter Leiske

Frankfurt steht unter dem Eindruck, daß durch die Entscheidung von Bonn neue Fronten abgegrenzt sind, und daß es damit vor eine bedeutsame Wende der Kommunalpolitik gestellt ist. Es kann mit gutem Gewissen auf die seit der Währungsreform erzielten Erfolge hinweisen.

Der Bevölkerungsstand ist im Ansteigen begriffen. Er hat die 500 000-Grenze längst überschritten und wird in absehbarer Zeit 700 000 erreichen. Die Arbeitslosigkeit bewegt sich mit 3,7 v. H. (bezogen auf die Arbeitsfähigen) und 2,3 v. H. (bezogen auf die Gesamtbevölkerung) in sehr niedrigen Grenzen. Die Aufwärtsentwicklung der Industrie hat sich fortgesetzt. Nach einer Untersuchung der Handelskammer gab es am 1. Juli 1948 in Frankfurt 25 Industriebetriebe mit mehr als 450 Beschäftigten und einer Gesamtbeschäftigtenzahl von 29 500. Bis zum 1. Oktober 1949 hat sich diese Zahl auf 36 900 erhöht: Ähnliche Fortschritte liegen bei den anderen Frankfurter Gewerbezweigen, insbesondere bei Handwerk und Handel, vor.

Auch die Bewegung des Frankfurter Handelsregisters vermittelt ein untrügliches Bild über den Zuwachs der Frankfurter Wirtschaft. Vom 1. April 1948 bis zum September 1949 haben sich in Frankfurt 739 Einzelkaufleute, offene Handelsgesellschaften und Kommanditgesellschaften und 451 GmbH und Aktiengesellschaften etabliert, davon 30 Aktiengesellschaften und 72 GmbH mit einem Kapital von mehr als 100 000 DM.

Die Stadt nimmt nicht in Anspruch, bei jedem einzelnen Glied dieser großen Zuwachsreihe Pate gestanden zu haben. Das wäre auch nicht der Sinn stadtseitiger Wirtschaftsförderung. Aber es sind in den letzten anderthalb Jahren nicht viel weniger als 100 000 qm Hafen- und Industriegelände neuer Besiedlung zugeführt worden. Ungezählte Firmen, speziell aus dem Rauchwarengewerbe, dem Buchgewerbe, der Bekleidungsindustrie haben Hilfestellung erhalten.

Auf dem Gebiet des Messe- und Ausstellungswesens sind von Mitte 1948 bis Ende 1949 drei große Messen mit 753 000 Besuchern und zehn Ausstellungen und Fachmessen mit 732 000 Besuchern durchgeführt worden. Das Messe- und Ausstellungsgelände hat also 1,5 Mill. Besucher angezogen. Millionen von Arbeitsstunden sind dadurch dem Frankfurter Arbeitsmarkt zugeflossen. Vielfältige Befruchtung ist dem Baugewerbe, dem Speditionsgewerbe, dem Beherbergungs- und Gaststättengewerbe und dem Einzelhandel zuteil geworden. Im ganzen kann festgestellt werden, daß das Frankfurter Wirtschaftspotential in den letzten Jahren trotz der Entwicklung der Stadt zum „bizonalen“ Behördenzentrum einen erfreulichen Aufschwung genommen hat.

Für Frankfurt ist das Ziel klar. Es gilt, die Stadt auszugestalten zum Wirtschafts- und Finanzzentrum, zum kontinentalen Vorort, zum überseeischen Einfallstor und zum internationalen Messezentrum. Diese weite Zielsetzung bedingt ebenfalls, daß Frankfurt seinen alten Rang als Kulturzentrum wiedererringt, denn nationale und internationale Vorrangstellung in der Wirtschaft ist vom Vorrang in der Kultur nicht zu trennen. Diese große Zielsetzung ist eine Art „Generalwirtschaftsplan“, für dessen Durchführung folgende Stichworte als Richtschnur dienen, ohne daß die Reihenfolge eine Rangdifferenzierung bedingt: Industrie, Häfen, Banken, Börsen, Versicherungen, Rauchwarengewerbe, Buchgewerbe, Bekleidungsindustrie und Mode, Filmgewerbe, Mustermessen, Fachmessen, Ausstellungen, Fremdenverkehr, Kongreßverkehr, Flugverkehr.