Von Jan Molitor

In Neumünster geht die Gerichtsverhandlung gegen Heiler ihrem Ende entgegen. Dem Ausgang dieses Prozesses, der ungewiß ist, wird in Deutschland mit der bekannten Gleichgültigkeit, im Ausland mit der größten Spannung entgegengesehen.

Der Hedler-Prozeß findet zu Neumünster im Rathaus statt. Ein Saal, dessen Holztäfelung viel Solides hat, und solide blicken die Porträts früherer städtischer Würdenträger von den Wänden. Achtung, jetzt treten die Richter ein: die Anwesenden erheben sich von ihren Sitzen. Im Hintergrund des Raumes, wo sich die Zuschauerplätze befinden, wird ein Poltern derber Schuhe vernehmbar. Rechts von dem Richtertisch steht mit beflissenem, korrektem Ruck ein Mann auf und nimmt, kaum merklich, Haltung an. Dabei schaut er den Vorsitzenden mit jenem nicht leicht zu bewerkstelligenden Blick an, der an die militärische Verordnung denken läßt, nach welcher die Untergebenen ihrem Vorgesetzten frei und offen, doch zugleich gehorsam und dienstfreudig ins Auge sehen sollten. Das ist Hedler? Wolfgang Hedler, der Mann, von dem es heißt, daß von 21 Kreisverbänden der Deutschen Partei in Schleswig-Holstein nicht weniger als fünfzehn „geschlossen hinter ihm stehen“?

Sehen sah man ein so leeres Gesicht; selten hörte man ans eines Mannes Munde so hohle Phrasen! Ach, dieser Hedler ist nicht interessant. Aber interessant ist’s, die Leute zu sehen, die an ihn glauben. Denn Hedler hat Anhänger, hat Gläubige im Lande Schleswig-Holstein, wo es nicht umsonst zur Nazizeit viele Dörfer gab, deren Einwohnerschaft zu 85 v. H. Mitglieder der NSDAP war. Heute sind vor allem zwei Typen unter den Zeugen, die für Hedler eintreten. Da ist der frühere Offizier, straff, ruhig und nicht ohne Züge eines irregeleiteten Idealismus: sicher hat er’s gern gehört, wenn Hedler vom Vaterland und vom Fronterlebnis sprach, der gleiche Hedler, der selber nur als Etappen-Offizier „kämpfte“, und dessen, Brust bloß das „Kriegsverdienstkreuz“ schmückte, was er wohlweislich in seinen Reden verschwieg. Den anderen Pro-Hedler-Typ aber hätte Hans Fallada – lebte er noch – leicht wiedererkannt, weil er den Gestalten aus „Bauern, Bonzen, Bomben“ ähnelt: Leute in Windjacken, unter denen dumpfe Herzen rebellisch schlagen. So einer steht, als Zeuge aufgerufen, breitbeinig da und erklärt dem Richter: was die Widerstandskämpfer gegen Hitler anginge, so könne er, der Zeuge, bloß seine eigene Ansicht dahin äußern, daß es Lumpen, Schufte gewesen seien. Und Hedler? Er schaut seinen Zeugen halb scheu, halb freundlich an. Er selbst hält im Augenblick von den „offenen Worten“ nicht viel. Er hat sich aufs Leugnen verlegt. Er streitet einfach ab, dergleichen Äußerungen in seinen eigenen Reden getan zu haben. Und wenn er falsch verstanden wurde – nun, er kann’s nicht ändern. Ja, es ist offensichtlich, daß er „kneift“. Das müßte doch seinen Freunden, die den Zuhörerraum füllen, eigentlich peinlich sein ... Aber nein, sie halten’s für pfiffig, wie’s der Hedler macht. Und abends, wenn wieder ein Prozeßtag vorüber sein wird, werden sie vorm Rathaus auf ihn warten, wie eine Gruppe von Begeisterten vorm Bühneneingang auf den Heldentenor wartet.

Der Skandal um Hedler, der im Ausland ein ungeheuerliches Aufsehen erregt hat, begann so: Am 26. November 1949 hatte „Kamerad“ Hedler – wie einige Zeugen den inzwischen nach Hause geschickten Bundestagsabgeordneten nannten – eine Rede in Einfeld gehalten, seine bewährte Rede, mit der er in vielen Orten keinen schlechten Erfolg gehabt hatte. Einfeld ist ein Dorf bei Neumünster: 15 000 ursprüngliche Einwohner, dazu 3000 Evakuierte aus Kiel, die vornehmlich in einer „Finnensiedlung“ wohnen, dazu 15 000 Ostvertriebene. Als dieses Dorf im Oktober 1948 zu den Kommunalwahlen schritt, gab es keine „Deutsche Partei“: die Vertreter der CDU erhielten ebensoviel Stimmen wie die der SPD. Bei den „Bundeswahlen“ im Herbst 1949 aber ergab sich eine neue Situation, die auf die kommende Wahl zum Landesparlament von Schleswig- Holstein einige Ausblicke eröffnet: 690 Stimmen erhielt die SPD, 620 die CDU; 1100 Stimmen jedoch die DP. Das ist die Partei des Mannes, der scheinbar falsch verstanden wurde, als er in Einfeld seine Bemerkungen über die Widerstandskämpfer, über die Juden und über den Nationalsozialismus machte ... Der Leiter der „Deutschen Partei“, der Bundesminister Hellwege, setzte den Ausschluß Hedlers durch und distanzierte sich, wie er mit Nachdruck öffentlich betonte, „in aller Form von den radikalen Elementen, die sich gerade in Schleswig-Holstein in die Deutsche Partei eingeschlichen und mit Unterstützung Hedlers eine gewisse politische Plattform gewonnen haben“. Hedler aber pfeift auf die „Deutsche Partei“, die ihn erst zum Bundesabgeordneten machte und dann verjagte. Und er kann darauf pfeifen. Hat er doch im Gerichtssaal ein Telegramm bekommen, das der Vorsitzende verlas: Die wiedergegründete „Deutschnationale Volkspartei“ meldete sich aus Stuttgart, entbot ihrem „ehemaligen Mitglied Hedler kameradschaftliche Grüße“ und trug ihm an, den Landesvorsitz der DNVP in Schleswig-Holstein zu übernehmen. Da hob Wolfgang Hedler den Kopf, wie jenes bekannte Kriegspferd, das sprichwörtlich die Ohren spitzt, wenn es den vertrauten Trompetenruf hört. Dabei hatte sich tags vorher herausgestellt, daß Hedler – der von 1919 bis 1920 Angehöriger der alten „Deutschnationalen Partei“ gewesen war – nicht erst, wie er in einem Fragebogen behauptet hatte, anno 1934 zur NSDAP gegangen war, sondern schon am 1. Januar 1932. „Alter Kämpfer“ sozusagen!

Hedler natürlich stritt es ab. „Ein mysteriöser Umstand“, bemerkte der Vorsitzende. Aber dem Ansehen Hedlers hat dieser „mysteriöse Umstand“ bei den meisten seiner Freunde auf der Galerie offensichtlich nicht geschadet ... Obwohl sogleich zu erwarten stand, daß sein „Denazifizierungsverfahren“ wieder aufgegriffen werden würde, wobei Hedler bei erwiesener Fragebogenfälschung wahrscheinlich anstatt in „Gruppe 5“ in „Gruppe 4“ käme, sodann gar nicht mehr wählbar wäre und vielleicht sogar ein Verfahren wegen fortgesetzten Betruges an den Hals kriegte (denn er hat ja schließlich als Abgeordneter des Bundestages seine Diäten bezogen) – trotz alledem also wurde er auch am Abend dieses Tages von seinen Anhängern beifällig in Empfang genommen. Und auch diesmal umringten sie ihn wie eine Fahne.

Im Gerichtssaal ist Hedler leise; dafür ist’s sein Verteidiger, der sich erregt und einmal sogar mit überkippender Stimme behauptete, es sei notwendig, mit erhobener Stimme zu sprechen. „Ich stehe hier eins gegen fünf“, rief der Verteidiger quasi zu seiner eigenen Verteidigung. Die Fünf, um die es sich handelt, sind zwei Staatsanwälte und drei Rechtsanwälte als Vertreter der Nebenkläger, unter ihnen Dr. Grewe, ein sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter, der seinen Ruf, ein schlagfertiger Redner zu sein, gar nicht recht beweisen kann. Denn weder Fiedler noch sein Verteidiger geben Anlaß dazu. Währenddessen fragt der Gerichtsvorsitzende geduldig, ja pedantisch die Zeugen darüber aus, was Fiedler nun eigentlich wörtlich gesagt habe. Hat er nun gesagt: „Ob das Mittel, die Juden zu vergasen, das geeignete sei, sich ihrer zu entledigen, darüber kann man geteilter Meinung sein ...“ oder hat er gesagt: „... sie zu erledigen“? Auf solche feinen Unterschiede kommt es offenbar an ... Wie immer Hedler es aber gesagt hat –: auf jeden Fall hat er, was er selbst nicht abstreitet, von der „Lösung der Judenfrage“ gesprochen. Da muß man sich selber unwillkürlich fragen, warum denn offenbar niemand im Gerichtssaal überhaupt Anstoß an der Formulierung „Lösung der Judenfrage“ nimmt.