Was da alles zum Vorschein kam! Sämtliche Etappen, die die Wirtschaft seit der Geldneuordnung zurücklegte, wurden, sozusagen im Zeitraffer, noch einmal vorgeführt: da war der Leinwandschuh in denkbar schlechter Verarbeitung, da war das kniefreie Kleid, der New Look erster, zweiter, dritter Ausgabe, da waren Stoffe aller Qualitäten, Geschirr in jeder Form – der Winter-Schluß-Verkauf zeigte die „Dispositionssünden“ des Handels. Er zeigte noch mehr. Seit Sommer 1948 wächst König Kunde immer selbstbewußter in seine Rolle als Marktregulator hinein. Es ist bereits wieder soweit, daß man Weihnachtsgeschenke im Februar, im Ausverkauf, im Nachhinein also, kauft. Zudem ist man sehr wählerisch und verlangt Qualität auch bei stark herabgesetzten Preisen. Um es etwas übertrieben zu sagen: es scheint fast so, als ob Herr und Frau Jedermann den Index für ein paar Monate „voraus“ jederzeit in der Tasche tragen.

Seit der Währungsreform wird, anfangs weniger, später mehr, so etwas wie eine „erfühlte“ Nationalökonomie betrieben. Man „weiß“, was billiger werden wird, was teurer werden muß, wann es richtig ist zu kaufen. Die Erwartungen des Käufers bestimmen den Markt. Auch was Kaufkraft ist, braucht Frau Jedermann nicht erklärt zu werden. Wenn die Politiker der Regierung, um ihre Erfolge zu unterstreichen, auf die Zeit vor der Fortschritte reform hinweisen, so erscheinen die Fortschritte wohl revolutionär (und sind es auch). Das Publikum aber fragt: „Wieviel trennt uns Vorvom Frieden?“ Man vergleicht mit mit 1946 kriegszeit, weil man einen Vergleich mit 1946 und 1947 gar nicht will.

Mit umfassenden Zahlen auf die Frage des Publikums zu antworten, ist üblich und bequem. Es ist bekannt, daß in Westdeutschland beinahe soviel erzeugt wird wie 1936 – Saisonschwankungen ausgeschaltet –, daß aber gleichzeitig über acht Millionen Menschen seitdem mehr im Bundesgebiet leben, womit, im großen Schnitt, jedem etwa Dreiviertel des damaligen Lebensstandards „zusteht“. Nur verdeckt der Überblick die Kaufkrafrverteilung. Wer besitzt Kaufkraft? Ist Geld, als Anweisung auf frei wählbare Güter, so verteilt, daß alle ihren Anteil an der Kriegslast, die sich in dem verringerten Sozialprodukt ausdrückt, tragen? Dem ist nicht so. Es gibt Millionen, deren Existenzminimum vielleicht gerade gewahrt ist, die aber von den Annehmlichkeiten des Lebens noch nicht viel verspüren. Andere dagegen haben den Friedensstandard wieder erklommen. Nun, berechtigte und unberechtigte Unterschiede gab es immer, mag man auch „Jedem das Seine“ weit höher schätzen als „Jedem das Gleiche“. Nur sind die Unterschiede heute zum Teil sehr kraß. Daraus resultiert sozialer Neid, der nicht mit Kaufkraftentzug (über die Steuer) auf der einen und Kaufkraftzuteilung aus der Steuer auf der anderen Seite überbrückt werden kann. Diese Umverteilung ist nur ein Hilfsmittel in Einzelfällen, mit dem Nachteil, ein unproduktives „Rentnerdasein“ für diejenigen, die arbeitsfähig sind, aufkommen zu lassen. Der bessere Weg ist der Ausbau der Produktion unter Wettbewerbsbedingungen, weil dem Wettbewerb die Tendenz zum Ausgleich und zum Leistungsanreiz innewohnt. Es kann eben nur das mehr verteilt werden, was mehr vorhanden ist.

Auch Kaufleute, die „gut“ stehen, sagen immer wieder, daß es ihnen gar nicht „gut“ ginge, daß sozialer Neid folglich unangebracht sei. Sie verweisen auf die konfiskatorische Steuerpolitik, welche die Kapitalbildung verhindere, und auf den mangelnden Sparwillen des Lohn- und Gehaltsempfängers, der es nicht dazu kommen lasse, den privaten Kapitalmarkt – mit echten Zinssätzen – funktionsfähig zu machen. An einem Übel, das in ihnen liegt, gehen sie vorbei. Und der Schlußverkauf hat erwiesen, daß dieses Übel vorhanden ist. Auf dem Wege vom „Verteiler“ von Mangelware zum „Kaufmann“, der es versteht, einzukaufen und zu verkaufen, haben die Händler viel Lehrgeld bezahlen müssen, was einmal als echte Investition in die Marktwirtschaft anzusehen ist, zum anderen aber diese Wirtschaftsordnung belastet. Kaufleute sind nämlich heute selten flüssig, gleichgültig, ob in eigener oder in gepumpter Liquidität. Sie können zum Teil kaum leistungsfähig sein, weil der Markt, vom Käufer getrieben, schneller war als sie. Mit anderen Worten: es gibt nicht wenige, die auf unverkäuflicher oder zumindest schlecht verkäuflicher Ware festsitzen. Die Ladenhüter beengen Umsatz wie Kalkulation. Vielleicht wird es jetzt besser, nachdem der Ausverkauf – der erste Winter-Schluß-Verkauf nach zehn fahren – Geld in die Kassen gebracht hat. Geld gibt Bewegungsfreiheit für den Einkauf, der ja nichts weiter ist, als die Weitergabe der künftigen Nachfrage des Kaufkraftbesitzers. W-n.