Von London aus gesehen, läßt sich dieProblematik der nun in Frankfurt anlaufendenHandelsvertragsverhandlungen mit folgendenStichworten zusammenfassen: Härte der D-Mark,Zurückhaltung bei der Erteilung von Generallizenzen, selbständiges Vorgehen der Kolonien in der Einfuhrpolitik und mangelnde Bereitschaft, Westdeutschland die Vergünstigungeneinzuräumen, die für andere ERP-Länder(ohne Belgien und die Schweiz) gelten. Trotzdem erlaubt die „aufgelockerte“ Haltung von Regierung und Geschäftskreisen „drüben“ einen gewissen Optimismus.

Mehrfach vertagt, lebhaft gewünscht und doch mit einigem Bangen erwartet: das ist die Vorgeschichte der deutsch-britischen Handelsvertragsverhandlungen, die nunmehr in Frankfurt beginnen. Es werden langwierige Beratungen sein. Zunächst hängt die Ungewißheit des englischen Wahlausfalls über der britischen Delegation. Und eine – immer wahrscheinlicher werdende – Wiederwahl der Labour-Regierung wird Englands Probleme der gelenkten, vollbeschäftigten, dollarhungrigen Volkswirtschaft nicht automatisch klären. Doch eines dar: tröstlich am Vorabend der Verhandlungen aus der Londoner Atmosphäre vermerkt werden: „Das Klima im Verhandlungssaal“, so meinte ein Engländer, der es wissen sollte, „das Klima dürfte warm und angenehm sein.“ Wenn dieser gute Wille zur Verbesserung des Handels zwischen den beiden Ländern den Gesprächspartnern treu bleibt, lassen sich Antworten auch auf die schwierigsten Fragen finden.

Worin liegen nun nach britischer Ansicht die Schwierigkeiten? Im „harten“ Charakter der D-Mark, in einer zu „zentralistischen“ deutschen Vorstellung vom Sterlingblock und in einer deutschen Einfuhrzurückhaltung im vergangenen Herbst, sagen die Fachleute. „Und im ungenügenden Kontakt der britischen Amtsstellen mit britischen Praktikern, in der Verweigerung klarer Einfuhrbestimmungen für Waren aus Deutschland, sowie in der Selbstherrlichkeit mancher Kolonialverwaltungen in der Entscheidung über Einfuhrlizenzen für deutsche Waren“, fügen britische Importkaufleute hinzu.

Vor allem der Zahlungsverkehr bedarf nach englischer Auffassung einer Umkehr aus der Sackgasse der Spitzenabdeckung in Gold „Die deutsche Währung ist für uns zwar nicht so hart wie der Dollar, jedoch immer noch zu hart“, erklärte ein britischer Importeur von Chemikalien. Der Härtegrad der D-Mark läßt sich zwar an keinem Manometer abmessen. Selbst die britischen Geldverluste im vergangenen Herbst – die trotz einer Saldospanne von 7,5 Mill. £ eintraten und dem Schatzamt, wie begreiflich, unsympathisch waren – wenden den Blick zu sehr in die Vergangenheit und belasten die Verhandlungen mit übermäßiger britischer Vorsicht, Die deutschen Hinweise auf die Störungen unserer Einfuhr durch die Abwertungsunsicherheit für die D-Mark und dazu auf die Einflüsse aus anderen Zahlungsoperationen (anderen als für den Warenverkehr nämlich) werden zwar als mögliche Erklärungen für die Vergangenheit akzeptiert – jedoch nicht als Sicherheit gegenüber zukünftigen Wiederholungen britischer Geldverluste.

So werden denn die Experten des Zahlungsverkehrs, die sich bereits im Dezember, in London, über einige technische Einzelheiten ausgesprochen haben, zuerst das Wort haben. Der Beobachter in London mag dabei den Eindruck haben, als ob es auf britischer Seite noch am Mut zum Sprung ins Ungewisse fehlt. Weder ein Verzicht auf die Saldobegrenzung, noch eine Eingliederung, des deutsch-britischen Zahlungsverkehrs in die geplante Zahlungsunion der ERP-Länder scheint bisher von den britischen Sachverständigen ernsthaft (und mit dem Willen zum „Experiment“, im Interesse erweiterten Handels zwischen Westdeutschland und Sterlingblock) erwogen worden zu sein.

An diesem Punkte werden vielleicht die Liberalisierungsanstrengungen der Bundesrepublik im Handel mit anderen europäischen Ländern dazu helfen können, die britische Zurückhaltung zu überwinden. Bisher konnten die britischen Experten darauf hinweisen, daß Westdeutschland in den ersten Monaten unter dem laufenden Vertrag für 1949/50 mit seinen Einkäufen im Sterlingblock erheblich unter dem vereinbarten Betrag von rund 25 Mill. Dollar geblieben sei. In den letzten Monaten haben sich jedoch die deutschen Käufe verstärkt. Auch Frankfurter Schätzungen, daß man angesichts deutschen Rohstoffbedarfs aus britischen Gebieten für die nächsten Jahre mit einem deutschen Defizit im Handel mit dem Sterlingblock rechnen haben werde, tragen viel dazu bei, britisches „Mißtrauen“ gegen das Warenangebot aus Deutschland, das zu Geldverlusten führen könnte, zu vermindern.

Mit der „Erweichung“ der D-Mark hofft man auf englischer Seite auch, daß die früheren deutschen Bedenken gegen das Anschwellen deutscher Sterlingguthaben verschwinden werden. Obwohl man in England weiß, daß diese Bedenken in Frankfurt manchmal von amerikanischer Seite genährt wurden, so haben sie doch das britische Selbstbewußtsein verletzt. Ebenso verursacht es natürlich in England süßsaure Mienen, wenn Besucher aus Deutschland die „Geschwindigkeit des deutschen Aufbaus“ herausstreichen und vielleicht noch kritische Bemerkungen über das langsame britische Erholungstempo anhängen, während die gleichen Besucher sich über die britische Nachkriegshilfe an Westdeutschland mit einer geringschätzigen Miene hinwegsetzen. (Diese Hilfe hat immerhin bis Juni 1949 die stattliche Summe von 188 Mill. £ oder nach heutigem Kurse 2,2 Mrd. DM erreicht, und sie wurde zu nicht, weniger als 40 v. H. in Gold oder Dollar gewährt!)