Schweizer, Briten, Italiener, Spanier, Polen, Griechen, Asiaten, in russischen Lagern

Von Friedhelm von Note

Wahrer Fortschritt ist nicht denkbar ohne Humanität“ – dieses Wort könnte gut der Feder eines Ulrich von Hutten entstammen. Es stellt jedoch nur den Wortlaut eines der unzähligen Wandsprüche dar, mit welchen in den Kriegsgefangenenlagern der Sowjetunion jeder freie Quadratmeter Fläche an Außenmauern, in Wohnbaracken und Wirtschaftsräumen beschriftet zu werden pflegt. Das Besondere jedoch, das für mich gerade diesen Spruch aus der Menge ähnlicher Sprüche hervorhob, waren die Begleitumstände, unter denen ich ihn an einem hellen Sommermittag des Jahres 1948 im Kriegsgefangenenlager 150, Grasowjez, 450 Kilometer nordestwärts von Moskau, zum erstenmal sah: Die schwarzen Buchstaben hoben sich von der besonnten Weiße der gekalkten Stirnwand des alten Klostergebäudes, das einigen hundert ehemaligen deutschen Offizieren als Unterkunft diente, in scharfem Kontrast ab. Darunter – auf der rohgezimmerten Birkenbank – saßen zwei Kriegsgefangene: Beide beinamputiert. Mehr als drei Jahre nach der Beendigung des zweiten Weltkrieges, den die Sowjetunion nur gegen die ehemalige deutsche Führung, nicht gegen das deutsche Volk geführt zu haben vorgibt, saßen sie da. Der Anblick von Verstümmelten war in den Lagern der Sowjetunion keine Seltenheit. In diesem Augenblick und an jenem Orte aber erschien er mir wie eine groteske und, weil unbeabsichtigt, doppelt wirksame Bekräftigung jener These, deren Lettern über den beiden Unglücklichen prangen, „Wahrer Fortschritt ist nicht denkbar – ohne Humanität!“

Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, daß nur die Angehörigen der früheren deutschen Wehr-‚macht. oder die Soldaten der ehemaligen Verbündeten Deutschlands den Leidensweg durch die sowjetischen Kriegsgefangenenlager gegangen sind. In Wirklichkeit gibt es kaum eine Nation der Erde, von der nicht einige Vertreter in irgendeinem Lager der Sowjetunion festgehalten werden. Wann mag wohl jener königlich-britische Offizier, der sich monatelang zusammen mit

deutschen Kriegsgefangenen in einem Lager im milderen Raum des europäischen Rußlands befand, in seine Heimat zurückgekehrt sein? Nach gelungener Flucht aus deutscher Kriegsgefangenschaft hatte er bei dem Verbündeten im Osten Schutz gesucht und war dann auf irgendeine rätselhafte Weiss in die moderne Arche Noah – das sowjetische Lager – hineingeraten, wo er bald wegen angeblicher Verstöße gegen die Disziplin die Arrestzellen kennenlernte ...

Längere Zeit hindurch befand ich mich in einem Schacht-Lager des Donez-Beckens. Kurz zuvor war dort ein frischer Transport aus Deutschland eingetroffen: Mannschaften aller Wehrmachtteile und Volkssturm, Einer dieser Männer trug zwar einen deutschklingenden Namen, wies sich jedoch mit einem von der Schweizer Gesandtschaft in Berlin ausgestellten Paß als Schweizer Staatsbürger aus. Im Mai 1945 sei er in der Tschechoslowakei in Zivil durch sowjetisches Militär ergriffen und trotz aller Proteste als Kriegsgefangener in die Sowjetunion verschleppt worden. Was solle er tun? Wir kamen überein, daß er gar nichts unternehmen, sondern – um nicht neue Gefahren heraufzubeschwören – seine Nationalität besser verschweigen, seinen Paß an versteckter Stelle einnahen und im übrigen hoffen solle, dank seines schlechten Gesundheitszustandes in absehbarer Zeit entlassen zu werden. Was denn auch wirklich einige Monate später geschah ...

Einzelfälle? „Pannen“, die der kurzsichtigen Willkür subalterner Dienststellen zugeschrieben werden müssen? Wie aber erklärt sich dann folgendes Begebnis?