Anmerkungen zu einer Pagnol-Premiere

München, im Februar

Jean Giono hat einen Roman geschrieben, Jean le Bleu (er ist unter dem Titel „Der Träumer“ unlängst bei Suhrkamp neu aufgelegt worden), und sein Freund Marcel Pagnol hat aus ihm eine zehnbildrige Komödie, La femme du boulanger, herausgefiltert, die soeben in den Münchner Kammerspielen, zum erstenmal in Deutschland, unter dem Namen „Madame Aurélie“ gespielt worden ist. Wer die hervorragende Hübnersche Inszenierung von „Der goldene Anker“ noch ebendig vor Augen hatte, mußte doppelt gespannt sein, was Friedrich Domin im gleichen Theater aus dem neuen Pagnol machen würde.

Tatsächlich steht es ja mit diesem Dramatiker ganz sonderbar. Es läßt sich unschwer belegen, daß er keine wirklich dramatischen Handlungen baut, vielmehr ein Begebenheits-Erzähler und Milieu-Schilderer ist. Aber was man weder leugten noch hindern kann, ist: daß er einen wunderer verzaubert, just von der Bühne her, die er zu mißbrauchen scheint. Wir, seine Zeitgenossen zumindest, müssen ihn lossprechen, und zwar weil unser Herz ihm einen vollkommenen Sieg, den Sieg der Atmosphäre und der Menschlichkeit, Wie kaum einem andern zuerkennt,

Die Geschichte ist sehr einfach: Der ältere, redliche, nicht weiter attraktive Bäcker Aimable erfährt das Los des Gehörnten, Seine junge und sehr schöne Frau geht ihm, quasi aus heiterem Himmel, mit einem Hirten durch, Aimable streikt; es ist ihm schlechterdings unmöglich, fürderhin Brot zu backen; denn für Aurélie, im Grunde nur für sie, hatte er’s bislang getan. Da tut sich unter Leitung des Gutsbesitzers und Marquis das von Brotnot bedrohte Dorf zusammen, im die Ausgerissene wieder einzufangen, und es gelingt auch zu einem gut reuigen und versöhnenden Ende.

Das ist die Geschichte, aber nicht das Stück. Denn eben diese Geschichte ist nur Anlaß, ein provenzalisches Dorf zu schildern und all seine Bewohner aufs reichste und humorvollste auszufächern. Es ist ein sehr klares mediterranes Licht, unter dem hier die Dinge stehen. Aber es ist auch ein liebevoll wärmendes, Nach keiner Seite hin wird gefälscht: der laizistische Lehrer pointiert auf seine Weise, aber der junge Priester, so streng, er sich anläßt, bleibt ihm an Eleganz und Schlagfertigkeit seiner Einwände nichts schuldig. Der Marquis ist ein Weiberheld, unter den Dorfbewohnern sind Luderjane, Säufer und (im Suff) gefühllose Rohlinge; auch eine Neidhaßgetriebene, die frömmelt und eifert, ist mit ins Bild getupft, und es besteht kein Zweifel, daß die Neigung des Dorfes, dem Bäcker sein Weib zurückzuholen, hochgradig bestimmt wird durch die Sorge, andernfalls kein Brot zu haben. Aber die Summe des Menschlich-Kleinen ist nicht größer als das Gericht des golden durchschimmernden Grundes; und wenn man da vom französischen bon sens spricht als von einem Instinkt für das, was glücklich macht, dann sollte man sich vielleicht auch fragen, woher solche Lebensweisheit stammt, und sich einer Gnade freuen, die noch inmitten ihrer Säkularisation fortwirkt.

Es gibt sogar eine Stelle, wo sie unvermittelt durchschlägt, und bei dieser Gelegenheit muß wieder einmal vom Publikum gesprochen werden. Als der junge Priester dem Bäcker seine Durchgängerin zurückbringt, liest er ihnen die Zeilen von Jesus und der Sünderin vor, die da enden: „So verdamme ich dich auch nicht! Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr!“ Lachen an der unrechten Stelle ist in unsern Theatern häufig geworden; besonders wenn sich’s dem sakralen Bereich nähert, fühlen sich viele ganz naiv aufgefordert, Belustigung oder Hohn laut werden zu lassen. So zeigten sie auch diesmal, als der Pfarrer sein Buch zückte, die gewohnte Bereitschaft, das komisch zu finden. Aber wie wurden sie doch mit einemmal alle ganz still! Das Wort, so scheint es, hatte auch ihnen für eine Sekunde alles Exemplarisch-Menschliche bis auf seinen Goldgrund durchscheinend gemacht.