Von Alix Berdolt-Stieger

Der Lyrikpreis der in Konstanz erscheinenden repräsentativen Literaturzeitschrift „Die Erzählung“ wurde in diesem Jahr dem vor etwa zwei Jahren aus seiner thüringischen Heimat an den Bodensee gezogenen Dichter Rudolf Hagelstange verliehen.

Von dem jungen Lyriker Rudolf Hagelstange wurde zuerst gesprochen, als sein „Venezianisches Credo“ 1946 im bescheidenen Gewand eines Nachkriegs-Inselbändchens herauskam. Das Gewand täuschte. Denn diese Sonette, die mittlerweile eine Auflage von 30 000 Exemplaren erlebt haben, hatten nichts gemein mit der rasch zusammengerafften und eilig gehefteten Lyrik jener Tage. Aus dem tödlichen Sog des Untergangs war diese Dichtung wie ein erstes leuchtendes Zeichen gestiegen: bitterste Anklage und tröstliche Verheißung zugleich.

Im Umfang, in der Geschlossenheit von Form und Inhalt tritt dieser Dichtung jetzt – fünf Jahre später – die „Meersburger Elegie“ ebenbürtig zur Seite. War das Credo der Aufschrei Geknechteter und zugleich ihr Pecoavi, in dem dennoch Hoffnung wie Glut unter der Asche lebt, so ist diese Elegie das Lied der Heimatlosen. Jener vor allem, die, wie der Dichter selbst, das Land östlich der Elbe verließen und verlassen mußten, dem Ruf der Freiheit ins Ungewisse folgend. „Ach, wo ist Heimat? Nur, wo die Dächer gedeckt, die Schüsseln gefüllt sind? Geschwister und Freunde wie eh dich umgeben? Wo man dir Lob sagt?“ Mehr Trauergesang als Klage oder gar Anklage, mündet die Elegie in die heilende und reinigende Schönheit der zur neuen Heimat gewordenen Bodenseelandschaft.

Aufschlußreich für das tiefere Verständnis der Dichtungen Rudolf Hagelstanges ist ein Vortrag, den er im Mai 1948 bei der Deutschen Schriftstellertagung in Frankfurt (Main) über „Die unveräußerlichen geistigen Grundlagen der Dichtung“ („Literatur und Politik, sieben Vorträge zur heutigen Situation in Deutschland“, Johannes-Asmus-Verlag, Konstanz) hielt. Dieser Vortragist ein Bekenntnis; das Bekenntnis eines Verantwortungsbewußten. Während die anderen Vorträge dieser Tagung mehr oder weniger in die Diskussion des Tages verstrickt waren, stieß er zu den grundlegenden Problemen vor. Die Dichtung endlich wieder aus den Fesseln der Intoleranz und Zeitbedingtheit zu lösen, darum geht es ihm vor allem. Er verwahrt sich dagegen, daß sie, deren „unbegrenzten, universalen Charakter“ er betont, und die „wie alle Natur ihren Urimpuls aus sich selbst empfängt“, daß „diese edelste Regung unseres Geistes, die das Unzulängliche und Vergängliche menschlicher Erscheinung auf eine Stufe zu heben trachtet, auf der es als Sinnbild und Zeugnis eine Dauer über uns selbst gewinnt, an das Fließband irgendeines Zweckes gekettet werde“. Der Zwecke gab und gibt es genug. „Rang und Wesen der Dichtung aber /erlangen, daß sie Freiheit genieße, volle und uneingeschränkte Freiheit.“

In dieser Erkenntnis vom naturhaften schöpferischen Wesen der Dichtung, das den Dichter ergreift und erfüllt, das ihn treibt und nicht etwa von um getrieben wird, scheint uns Hagelstange T. S. Eliot verwandt, der den Dichter geradezu als „Werkzeug“ sieht, mit dessen Hilfe eine Idee sich zur Erscheinung verhilft. Eliot nennt sich einen „Klassizisten“, das heißt im Gegensatz zum Romantiker einen Dichter, der „eine Autorität außerhalb seiner selbst anerkennt“, der „im Auftrage“ spricht und nicht in eigener Person (siehe „Die Zeit“ vom 3. 11. 49, „Offenbarung statt Erfahrung“). „Das Werden des Künstlers“ – so sagte er einmal – „besteht in fortgesetzter Selbstentäußerung, in fortgesetzter Auslöschung der Persönlichkeit.“ Dieses Dienen an der Sache der Dichtung setze vollkommene Einfachheit und die „Weisheit der Demut“ voraus. Hagelstange hat von dieser Weisheit. In dem Gedicht „Der Engel“ („Strom der Zeit“; Gedichte von Rudolf Hagelstange, Insel-Verlag 1948) verleiht er dem Bewußtsein, daß Dichten nur Geschenk und Gnade und niemals Verdienst sein kann, bewegenden Ausdruck:

„... Doch wenn ich, wissend, daß ich’s nicht erzwinge, die Knie beugend Demut dargebracht und hingerafft an seinem Munde hänge, dann lächelt er. Als ob die Sphäre klänge, so regt er, wie im Traum unendlich sacht ein Vogel atmet, seine helle Schwinge. Und rührt mich leise an mit dieser Schwinge. Und sieh: Ich singe.“