Von Hellmut Alscber

Eine der bemerkenswertesten Gestalten des zweiten Weltkrieges war Harry Hopkins ein Mann im Zwielicht der Korridore des Weißen Hauses, von den meisten Amerikanern als „ränkevoller Intrigant, als eine Mischung aus Macchiavelli, Svengali und Rasputin“ angesehen, gehaßt und attackiert; ein Mann gleichzeitig von höchster Intelligenz und Improvisationskunst. Hopkins, ein früherer Sozialfürsorger, war von Roosevelt in den Kindertagen des New Deal, der großen Aktion der Administration gegen Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit, entdeckt und herangezogen worden. Da er aber an einer schlimmen Magenkrankheit litt, war Hopkins zu einer ständigen amtlichen Tätigkeit nicht fähig. Daher bekleidete er, abgesehen von kurzen Zeitspannen, in denen er Handelsminister und Beauftragter für die Pacht- und Leihlieferungen war, keine amtliche Funktion, sondern übte als Berater Roosevelts zwölf Jahre seinen Einfluß auf die Politik der Vereinigten Staaten aus. Und dieser Einfluß war ungeheuer groß.

Roosevelt liebte nun einmal die Außenseiter dieser Art und liebte besonders Harry Hopkins, von dem ein Kritiker schrieb, er habe ein „beinahe feminines Einfühlungsvermögen für Roosevelts Stimmungen“ besessen. So kam es, daß sein Vertrauter schließlich auch eine zentrale Figur der amerikanischen Kriegführung wurde, von der General Marshall sagte: „Hopkins leistete seinem Lande einen Dienst, der niemals auch nur annähernd gewürdigt werden wird.“

Gestützt auf die Notizen, die Hopkins, der bald nach dem Krieg starb, hinterlassen hat, veröffentlichte kürzlich der amerikanische Journalist und Historiker Robert E. Sherwood das Buch „Roosevelt und Hopkins“ (Harpers, New York), das demnächst deutsch im Wolfgang-Krüger-Verlag, Hamburg, erscheinen wird. Sherwood, einer von den jungen New Dealern, war jahrelang „ghostwriter“ Roosevelts –: er hat gemeinsam mit Sam Rosenman, manchmal auch mit Hopkins, die Reden des Präsidenten formuliert, Er hat also einen tiefen Einblick in die Politik und auch in die Rooseveltsche Persönlichkeit bekommen, So gelingt es ihm, zu zeigen, daß Roosevelt nicht nur ein Mann von Moral und von großem organisatorischem Können, sondern daß er im genauen Sinn des Wortes der Mann seiner Zeit, ein genialer Politiker war, der das amerikanische Volk so gut verstand, wie auch er von ihm verstanden wurde. Dies machte ihn fähig, im Anblick eines mehr als kritischen Parlaments und zweier Kriegswahlen, ohne jede diktatorischen Maßnahmen die amerikanische Kriegsanstrengung weit über die Möglichkeiten aller anderen Kriegführenden hinaus zu steigern. In diesem Sinn war es Roosevelt, der den Krieg gewonnen hat –: selbst Stalin, in einer schwachen Stunde, gestand das ein.

Zunächst hatte Roosevelt sich einer stark isolationistisch gesinnten Bevölkerung gegenüber gesehen. Und es scheint nach Sherwoods Darstellung höchst unsicher, ob Roosevelt – der fürchtete, der Krieg werde mit der Unterwerfung der Alten Welt durch Hitler enden – die Amerikaner hätte erregen können, wenn die Japaner selbst die Mühe abgenommen hätten. „Es gab nur eins“, sagt Sherwood, „was Roosevelt aus seinem Dilemma befreien konnte, und genau dies taten die Japaner, mit einem einzigen Schlag, auf eine so herausfordernde, beleidigende Art, daß das uneinige und verwirrte amerikanische Volk sich augenblicklich einhellig zusammenschloß.“ Noch unsicherer erscheint es, ob Roosevelt, sogar nach den Geschehnissen von Pearl Harbour, vom Kongreß eine Kriegserklärung gegen Deutschland erlangt hätte. Er hat sie gar nicht erst gefordert, denn sein Nachrichtendienst hatte ein paar Tage zuvor einen Berliner Funkspruch an die japanische Regierung dechiffriert, wonach Deutschland, „wenn Japan in einen Krieg mit den USA verwickelt würde, sich ihm selbstverständlich sofort anschließen“ würde. Und richtig trafen vier Tage nach dem Ausbruch des pazifischen Krieges die deutsche und die italienische Kriegserklärung in Washington ein. Meldungen waren vorausgegangen, nach denen Ribbentrop „höchst vergnügt“ und Mussolini „glücklich“ sei und Vittono Emanuele „seiner Genugtuung Ausdruck gegeben“ habe. Die ungeheuerliche Verkennung der Lage, die daraus sprach, mag dem deutschen Leser heute grauenhaft erscheinen.

Ja, recht eigentlich ist der Dezember 1941, in dem sich alles dies abspielte, zum Wendepunkt des Krieges geworden – nicht Stalingrad und nicht El Alamein. Denn nicht nur, daß die Amerikaner nun zu jedem Opfer bereit waren – es war jetzt auch die Basis da für eine Strategie, die bereits Anfang 1942 festgelegt wurde und die die Niederwerfung Hitlers als erste, die Japans als zweite Aufgabe anstrebte. Das Rüstungsprogramm, das zuvor nur jährlich die Produktion von 28 600 Kampfflugzeugen und 20 400 Panzern vorsah, wurde nach Pearl Harbour auf 100 000 Kampfflugzeuge und 75 000 Panzer erweitert. So fielen die letzten deutschen Kriegserfolge in das Jahr 1942. das gleichzeitig das Jahr des Anlaufens der amerikanischen Kriegsproduktion war, Und die deutschen Erfolge waren zu Ende, als der Ausstoß dieser Produktion im großen Stil auf die Kriegsschauplätze gelangte...

Diese Strategie, nach der Hitler zuerst bekämpft werden müsse, ist außer vom Generalstabschef und späteren Außenminister Marshall am stärksten von Hopkins vertreten worden, der damals nicht nur auf die Produktion und Verteilung der Pacht- und Leihlieferungen großen Einfluß hatte, sondern als Sonderbeauftragter Roosevelts schon im August 1941 die ersten persönlichen Verhandlungen mit Stalin geführt hatte, Er traf auch wiederholt mit Churchill zusammen und nahm an allen großen Konferenzen, einschließlich Casablanca, Teheran und Jalta. teil, Hopkins war es auch, der eine zentrale Rolle spielte, als die Frage der zweiten Front die Beziehungen der Alliierten zu beherrschen begann. Aus Sherwoods Buch geht hervor, daß Roosevelt und die Amerikaner dabei stets unmittelbar die militärische Kriegführung im Auge hatten, während Stalin und Molotow von Anfang an auf die Nachkriegspolitik hinzielten. Churchill, der zwischen beiden Parteien stand, wurde als der kleinere Verbündete, sosehr er sich auch wehren mochte, immer wieder auf den Kurs der amerikanischen Politik festgelegt –: dies gilt nach Sherwood auch für die Formel von der bedingungslosen Kapitulation und für den Morgenthau-Plan, Dahinter stand nicht nur das übermäßige Selbstvertrauen Roosevelts, der lange meinte, er werde mit dem „guten alten Onkel Joe“ schon fertig werden und man müsse den Russen nur Vertrauen zeigen, um auch bei ihnen Vertrauen zu finden, sondern dahinter steckte offerbar auch die ewige Sorge, daß Stalin sich doch noch mit Hitler verständigen könne. „Ein Glück, daß Hitler nicht wußte, wie gespannt die Beziehungen zwischen den Alliierten waren“, sagt Sherwood an einer Stelle, und an einer anderen zitiert er den ewig schlecht gelaunten Molotow, der sich dahin äußerte, daß man „schließlich mit jedem“ noch irgendeine Art von Verständigung finden könne Dieser Alpdruck, zusammen mit einer gegen Ende des Krieges erstaunlichen Überschätzung des derneben Widerstandspotentials, führte zu der andauernden Bereitschaft Roosevelts, den Russen immer wieder Konzessionen zu machen. So verzichtete er auf eine militärische Aktion vom Balkan her, und so wurden Ost- und ein großer Teil Mitteleuropas schon im voraus der Roten Armee überlassen ... Die zweite Konzession von großer Bedeutung war, daß Roosevelt sich hinsichtlich der politischen Organisation Deutschlands und der „befreiten Länder“ mit allgemeinen Phrasen begnügte, anstatt auf genauen Definitionen zu bestehen, worauf sich später herausstellte, daß Stalin unter einem „demokratischen, freundlichen Regime“ in Polen, Rumänien. Bulgarien etwas ganz anderes verstand als Roosevelt und Churchill. Die schlimmste Konzession aber war, daß Roosevelt jene Versicherungen des guten Willens auf sowjetischer Seite en bloc akzeptierte, von denen schon zu erwarten war, daß sie nachher en bloc nicht gehalten werden würden. – Roosevelt starb zwei Monate nach der Jalta-Konferenz, deren Ergebnisse von Anfang an Gegenstand einer heftigen Auseinandersetzung in Amerika gewesen waren. Bald sah man die Folgen: die Rote Armee in Berlin und Wien und in elf anderen europäischen Hauptstädten! In Warschau, in Bukarest. in Sofia, in Belgrad begann der Bolschewisierungsprozeß! Nun konnte man sehen, daß Roosevelt zwar den Krieg gewonnen hatte, daß aber die Vereinigten Staaten im Begriffe waren, den Frieden zu verlieren.

In dieser Atmosphäre, in der die amerikanische Öffentlichkeit schon heftig gegen das Auftreten der Sowjets revoltierte, in dieser Zeit, da die Differenzen auf der UNO-Konferenz in San Franziska so kritisch geworden waren, daß Molotow und Eden abreisten, gelang es Harriman, der damals Botschafter in Moskau war. Truman zu überzeugen, daß ein Verständigunsversuch mit Stalin durch die Vermittlung von Hopkins gemacht werden müsse. So flog der todkranke Mann am 23 Mai 1945 noch einmal nach Moskau. Doch während er sonst Stahn gegenüber immer ganz außerordentlich konziliant gewesen war, scheint er, seinen Aufzeichnungen zufolge, diesmal gekämpft zu haben. Mit einer überraschenden Beharrlichkeit erklärte er Stalin immer wieder, die amerikanische Öffentlichkeit könne das sowjetische Verhalten in der polnischen Frage, die rücksichtslose Installierung des kommunistischen Lubliner Komitees als Regierung in Warschau und die Verhaftung polnischer Patrioten durch Sowjettruppen nicht ertragen, ja, er sagte ihm prophetisch eine fortschreitende Verschlechterung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen voraus, wie wir sie seither erlebt haben Aber es war zu spät. Hopkins kehrte mit einigen wertlosen Zusicherungen zurück. Trotzdem hatte er, als er in Washington eintraf, zum ersten- und letztenmal in seinem Leben eine gute Presse. Ein paar Tage später zog er sich ins Privatleben zurück und starb im Januar 1946, mit wenigen Dollar in der Tasche...