Die Biographien der Heiligen – aller Religionen und Konfessionen – häufen sich in den letzten Jahren, gleichsam als verordne sich eine kranke Zeit ihr Remedium. Der Amerikaner Sheldon Cheney veröffentlichte 1945 eine „Geschichte der Mystik“, die vom Limes-Verlag, Wiesbaden, in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht wird: „Vom mystischen Leben“, Recht eigentlich handelt es sich um keine Geschichte, sondern um die jeweils erstaunlich ausführlichen Biographien namhafter Mystiker aller Zeiten und Zonen, von Lao-Tse bis William Blake. William Blake, der Maler, Dichter und Visionär, ist ebensowenig Mystiker im engeren Sinne wie etwa Jakob Böhme, der Theosoph, den Cheney gleichfalls ausführlich würdigt. Das Wort Mystik kommt von „myein“, die Augen schließen, und bedeutet jene religiöse Methodik, die durch Weltabkehr und Wende ins Wesen zur „Entsinkung“, zur Vereinung des inneren Lichtes mit dem Urlicht gelangt. Wer hingegen als Schauender okkulte Weltbilder von umfassender Universalität aufbaut und lehrt (wie Böhme) oder gar prophetische Manifeste von apokalyptischer Glut in die Menschheit wirft (wie Blake), ist Theosoph in dem einen, Magus und Initiator in dem andern Falle. Cheney nimmt das bewußtermaßen nicht so genau. Er plaudert in schöner Bescheidenheit, aber auch mit der ganzen Burschikosität des Amerikaners. So kommen Feuilletons zustande, deren Wert in der Zuverlässigkeit der Tatsachen liegt, die dem Leser auf angenehme Weise hingereicht werden: Gottesgeheimnisse leicht gemacht. Das kenntnisreiche, gut illustrierte Buch ist streckenweise fragwürdig, manchmal auch sinnwidrig übersetzt: So ist in dem Kapitel über William Blake – dem wertvollsten und packendsten – überall dort, wo Blake vom „Alten der Tage“ spricht oder dessen Bildnis malt, vom „Jüngsten Tag“ die Rede. Der „Alte der Tage“ ist eine kabbalistische Formulierung für den Weltbaumeister, den Blake auch mit dem Zirkel in der Hand, das All ausmessend, künstlerisch darstellte. Die Unterschrift „Der jüngste Tag“ in der hier vorliegenden deutschen Übersetzung ist sinnlos. Nichtsdestoweniger wird das – in merkwürdiger Gegensätzlichkeit zum Thema – flott geschriebene Buch weite Kreise in Weg und Ziel der Mystik und anderer Grenzformen des Religiösen einführen.

Herbert Fritsche

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Jakob Wassermann: „Der Fall Maurizius“, I. Band der Trilogie. 562 Seiten. 14 DM. Es folgen: II. Band: „Etzel Andergast“, III. Band: „Joseph Kerkhovens Dritte Existenz“, Ullstein-Kindler-Verlag, Berlin-Frankfurt-München.

Gabor von Vaszary: „Monpti“, Roman. Aus dem Ungarischen übersetzt vom Verfasser. 361 S. Copyright 1936 by Rowohlt-Verlag G. m. b. H., J. P. Toth Verlag, Hamburg.