Statt einer Rezension

Von Jan Molitor

Que diable allait-il faire sur cette galere?

(Molière)

Sind Bücher zum Rezensieren da? Oder zum Lesen? Obwohl ich weiß, daß es Rezensenten gibt, denen gelegentlich die Lektüre des Schutzumschlages genügt, und schon fangen sie mit dem Rezensieren an, so kenne ich doch auch Kritiker, die ernsthafte Leute sind. Weil’s ihr Beruf ist zu lesen, um zu rezensieren, nehmen sie gleich den Bleistift in die Hand und schreiben Marginalien im Stile Friedrichs des Großen. Steht im Buch der Satz: „Eine gemietete Jacht ist kein D-Zug“, gleich schreiben sie: freilich nicht!“ an den Rand und kreiden’s dem Autor als Banalität an. Und wenn da steht: „Einige der Tische wurden unruhig“, dann lautet die Randbemerkung vielleicht: „Offenbar Holzwürmer! Woher sonst könnten Tische nervös werden?“ Und wenn da steht: „Ich unterhalte zur Zeit ein Bankkonto“, so lauten die Stichworte am Rande: „Jottedoch!“ oder „Wie snobisch!“ oder auch nur: „Hä, hä...“

Sicherlich haben einige geneigte und einige aufrechte Leser nach diesen Zitaten bereits erraten, welches Buch es ist, das ich nicht rezensieren will. Es heißt „Die Galeere“, ist im Suhrkamp-Verlag erschienen, und sein Verfasser ist Bruno E. Werner. Es sei hinzugefügt, daß Zuckmayer die „Galeere“ sehr gelobt hat, und es lobte Peter Bamm, und es lobten viele andere. Aber der Literaturkritiker des Berliner Funkhauses vom NWDR – auch dies sei nicht verschwiegen – lobte nicht. Er hat die „Galeere“ angegriffen, hat vieles an ihren Rand geschrieben, hat sozusagen marginalisch überall Sprengladungen angebracht und hat sie zuguterletzt torpediert mit den beiden stärksten Kalibern, die man beim Kampf im Ozean der Literatur zu verwenden pflegt. Erster Torpedo: Das Buch gibt sich wie ein Roman, aber – bums! – es ist gar keiner, sondern eine nur wenig getarnte Selbstbiographie; schlimmer noch: ein Geständnis; am allerschlimmsten: eine intellektuelle Selbstbespiegelung, pfui Deibel! Der zweite Torpedo aber war mit diesem Sprengstoff geladen: Die „Galeere“ wird viel gekauft und viel gelesen, weil sie viel gelobt wird; doch gelobt wird sie von des Autors persönlichen Freunden. Man denke: Ein Schriftsteller, der unter Schriftstellern Freunde hat! Dreimal pfui Deibel! – Als die Detonationen verklungen waren, und als ich bemerkte, daß die „Galeere“ desungeachtet immer noch unbeschädigt auf den Wellen schaukelte, beschloß ich, das Buch nicht zu rezensieren, sondern zu lesen und war dabei alter Freundschaft zum Verfasser eingedenk, der sich persönlich in schlechten und auch in besseren Tagen nicht nur als ein etwas nonchalanter, sondern auch als ein kluger, nicht nur als ein manchmal zynischer, sondern auch als stets hilfsbereiter, nicht nur als ziemlich selbstbewußter Mann, wie sie in Literatenkreisen ja leider nicht selten sind, sondern auch als ein Geist von echtem Humor bewährte.

Dieser Bruno E. Werner! Que diable allait-il faire sur cette „Galère“! Nicht genug damit, daß er sich vermaß, das Leben des Berliner Intellektuellen zur Nazizeit zu schildern, erdreistete er sich mit Hilfe der Roman-Technik ein Buch zu schreiben, das kein Roman ist, tatsächlich nicht! Derweil ich nämlich las und las, spürte ich: das Buch ist Wahrheit und wo es einmal nicht persönliche Wahrheit ist, da ist es – zwar vergangene –, aber doch immerhin allgemeine Wirklichkeit.