Die Außenpolitik des Kreml ist seit dem Bestehen Sowjetrußlands immer aggressiv gewesen. Allerdings hat das Politbüro in dem Kalten Krieg, der von ihm begonnen wurde und den es verbissen durchführt, sich bisher sorgfältig gehütet, vollendete Tatsachen zu schaffen, die so unwiderruflich sind, daß der Streit über sie ohne offenen Krieg nicht beendet werden kann. Doch konnte man angesichts der sich ständig steigernden Spannung erwarten, daß ein solcher Fall notwendig einmal eintreten müsse, sobald nämlich aus übergroßem Vertrauen in die eigene Stärke eine der beiden Seiten das Maß des noch Zuträglichen überschreiten und dadurch die andere zwingen würde, das gleiche zu tun. Dieser gefürchtete Fall ist jetzt eingetreten: Moskau hat, dem Beispiel Rotchinas folgend, den kommunistischen Rebellen Ho Chi Minh als rechtmäßigen Herrscher von Vietnam anerkannt.

Vietnam gehört zu Indochina und war bis vor kurzem französische Kolonie. Es ist jetzt, ebenso wie die angrenzenden Königreiche Laos und Kambodscha, gemäß Beschluß des französischen Parlamentes ein unabhängiger Staat innerhalb der Französischen Union geworden. Die von Frankreich anerkannte rechtmäßige Regierung wird von dem früheren Kaiser von Annam, Bao Dai, geführt, der zur Zeit den Kampf fortsetzt, den bereits die Franzosen gegen den kommunistischen Rebellen Ho Chi Minh begonnen haben. Die Anerkennung dieses Aufrührers durch die Sowjetunion ist also ein direkter Angriff auf die Französische Union und eine flagrante Verletzung des Freundschaftsvertrages, der zwischen Paris und Moskau besteht. Was aber sehen die Herren des Kreml ein Vertrag?

Daß die Satellitenstaaten auf Befehl Moskaus einer nach dem anderen dem Beispiel des Politbüros folgen würden, war vorauszusehen. Erwähnenswert wäre hier nur, daß als letzter Trabant auch Albanien sich beeilte, die Front zu stärken, und zwar im gleichen Augenblick, als Griechenland die Anerkennung der Regierung Bao Dat aussprach. Das nämlich erweckt die Erinnerung daran, daß die kommunistische Gegenregierung des Generals Markos niemals von der Sowjetunion offiziell anerkannt worden ist. Damals hütete sich der Kreml noch, unwiderrufliche Entscheidungen zu treffen.

Großbritannien und die USA haben nicht gezögert, den Fehdehandschuh aufzunehmen, den das Politbüro ihnen hingeworfen hat. Sie haben offiziell die Regierung Bao Dai anerkannt. So haben wir denn die Situation, die in Spanien schon einmal gegeben war. daß nämlich die Weltmächte in einen Bürgerkrieg auf entgegengesetzten Seiten mehr oder minder aktiv eingreifen. Auch in China ist dies der Fall gewesen. Doch war die Parteinahme dort zwar offensichtlich, aber nicht offiziell. In Vietnam stehen sich der Westen und das Politbüro ganz offen als Feinde gegenüber.

Was hat den Kreml bewogen, diese Kraftprobe herauszufordern? Zweifellos ist man in Moskau ungewöhnlich böse darüber, daß als offizielle Vertretung Chinas in der UNO immer noch die alte nationalchinesische Delegation unter Dr.Tsiang ihres Amtes waltet und daß der von Mao Tse Tung ernannte Vertreter nicht zugelassen wird. So zieht denn die Sowjetunion mit dem Gefolge ihrer Satelliten, nachdem sie bereits an den Sitzungen des Sicherheitsrates nicht mehr teilnimmt, aus einer Kommission nach der anderen – zuletzt aus dem Wirtschafts- und Sozialrat – beleidigt aus. Und man sollte ruhig zugeben, daß eine solche Negierung des rotchinesischen Sieges für den Kreml wirklich kränkend ist. Doch pflegte man in Moskau sonst Kränkungen stillschweigend einzustecken, was eine Stärke der sowjetischen Politik war. Vielleicht befindet man sich im Augenblick in einer gewissen Zwangslage. Die Verhandlungen mit Mao Tse Tung und Tschau Enlai sind offenbar schwierig.

Der Sowjetunion sind in Jalta Versprechungen gemacht worden auf gewisse Vorrechte in der Mandschurei. Durch Verträge mit Tschiangkaischek hat sie auch Anspruch auf die wirtschaftliche Ausbeutung von Sinkiang. Praktisch würde eine Anerkennung dieser Forderungen auch die einer sowjetischen Herrschaft in diesen strategisch wichtigen und an Bodenschätzen reichen Gebieten einschließen. Kämen, was die Sowjets, so scheint es, fordern, als Arrondierung hierzu noch die ehemals tibetanischen Provinzen Chinghai und Sikang hinzu, dann wäre Tibet im Norden ganz von der Sowjetunion umgeben und in kurzer Zeit zweifellos verloren. Moskau hätte dann nicht nur an Rohstoffen besonders reiche Gebiete gewonnen, sondern auch eine gemeinsame Grenze mit Burma, Indien und Pakistan.

Doch sind dies alles Gebiete, auf die Rotchina einen legitimen Anspruch hat, denn weder die Besprechungen von Jalta noch die Verträge mit Tschiangkaischek sind für Mao Tse Tung gültig. Also müßte die neue chinesische Regierung entschädigt werden. Das Prinzip, nach dem dies offenbar geschehen soll, ist nicht neu. Es wurde bereits 1945 Polen gegenüber angewandt. Damals nahm Moskau diesem Land die landwirtschaftlich reichen östlichen Gebiete und „entschädigte“ es mit den deutschen Ostprovinzen, die den Sowjets rechtmäßig überhaupt nicht gehörten. Offenbar versucht man bei Mao Tse Tung jetzt, diesen polnischen Handel zu erneuern. Man verspricht ihm Länder, die den Sowjets gar nicht gehören, nämlich ganz Südostasien – Vietnam, Kambodscha, Laos, Thailand, Burma und Malaya –, und man ist bereit, durch Druck und aktive Unterstützung den Rotchinesen die Eroberung dieser Länder zu erleichtern. Man möchte dafür die Ausbeutung Tibets und der anschließenden Provinzen einschließlich der Mandschurei zugesichert erhalten, wozu auch gewisse Herrscherrechte gehören müßten.