Sowjet-Zukunft auf dem Wasser und in der Luft – I. Gepanzerte Ostseeküste – Der große U-Boot-Stützpunkt Rügen

Von Nikolaus Eck

Aus der Ostzone drangen letzthin sensationelle Nachrichten: Geplante und inzwischen begonnene Umsiedlung der deutschen Bevölkerung von der Küste ins Innere Mecklenburgs ... Ausbau der Häfen Warnemünde, Wismar, Rostock und Stralsund... In den Felsen geschlagene U-Boot-Stützpunkte auf den Inseln Rügen und Poel... Wie die Pariser Zeitung „Figaro“ kürzlich berichtete, hat die ehemalige Neptun-Werft in Rostock wieder ihr Tarnkleid, wie in Kriegszeiten, anziehen müssen, und den Arbeitern geben Plakate, allenthalben sichtbar, den ehemals so vertrauten Schweigebefehl: „Feind hört mit!“ Warnemünde – so fügt der Berichterstatter des „Figaro“ hinzu – sei von der ursprünglichen Einwohnerschaft restlos geräumt; in den Gebäuden, die einst Hotels waren, seien heute 4000 Spezialarbeiter der Werft untergebracht Bedenkliche Nachrichten oder Übertreibungen, die zu falschen Schlüssen führen könnten? Droht die Rote Kriegsmacht in Europa? – Die „Zeit“ ist in der Lage, einen Überblick über die tatsächliche Stärke der Sowjetmacht zu Wasser und in der Luft zu geben...

Als das besiegte Deutschland, das bis dahin die Ostsee beherrscht hatte, aus dem Kreis der Seemächte ausschied, trat die Sowjetunion an seine Stelle. Dabei war die sowjetische Admiralität in der Lage, die noch vorhandenen Flottenstreitkräfte, vor allem aber auch die deutschen Seestützpunkte und Werfteinrichtungen, zu übernehmen. Und dies nicht nur im eigenen Besatzungsbereich, sondern auch in den von Polen besetzten Teilen der deutschen Ostseeküste. Man kann seitdem ohne Übertreibung sagen, daß die strategische Lage der UdSSR gegenüber den Westmächten in der Ostsee beinahe in fataler Weise an die alte Problematik Deutschlands erinnert: Die sowjetische Flotte ist in der Ostsee eingeschlossen. Für den Fall eines Krieges gehen die Sowjets daher von folgender strategischer Überlegung aus: Ihre Flotte muß den Zugang zur Ostsee, nämlich Skagerrak, Kattegat und die beiden Belte, offenhalten, damit ihre U-Boot-Waffe und die schweren Überwasserstreitkräfte gegen den Westen operieren können. In diesem Fall würde es die primäre Aufgabe der sowjetischen Ostseeflotte sein: erstens, die Seeflanken gegenüber Schweden und Dänemark abzuschirmen; zweitens, die Landflanken im skandinavischen und deutschen Ostseeraum zu sichern; drittens, den Luftraum über der Ostsee zu schützen, um den ungestörten Ablauf der kombinierten Operationen zur See und auf dem Lande zu ermöglichen. Was aber für die offensive Aufgabe allgemein gilt, ist mit umgekehrten Vorzeichen auch für die defensive gültig: Das Eindringen des Gegners in die Ostsee müßte verhindert werden, der feindliche Versuch einer Flankierung zu Lande im Norden und im Süden müßte abgewehrt und eine gegnerische Beherrschung des Luftraumes unmöglich gemacht werden. Wieweit sind die Streitkräfte der Sowjetunion, wieweit ist vor allem die sowjetische Flotte diesen Aufgaben gewachsen?

An Schlachtschiffen besitzt die Sowjetflotte in der Ostsee im Augenblick keine einzige moderne und gefechtsklare Einheit. Im Bau befindet sich jedoch auf der „Schdanow-Werft“ (der früheren „Baltischen Werft“) in Leningrad das Schlachtschiff „Sowjetzkij Sojus“; in Archangelsk gehen die Schlachtschiffe „Sowjetskaja Belorussija“ und „Strand Sowjetow“ ihrer Vollendung entgegen. Sie sind 35 000-Tonnen-Schiffe, haben sechs 40,6- und vierundzwanzig 13-cm-Geschütze, sie sollen Raketenrampen für V-Waffen erhalten; ihre Geschwindigkeit soll 30 Seemeilen betragen. Das aus der Zarenzeit stammende Schiff „Oktoberrevolution“ (früher „Gangut“) liegt verwendungsunfähig in Kronstadt. Immerhin hat sich die Sowjetflotte das frühere deutsche „Westentaschen“-Panzerschiff, die „Deutschland“ (10 000 Tonnen), einverleibt. Das Schiff wurde 1947 nach Leningrad zur Reparatur und Modernisierung eingeschleppt; außerdem besitzt die sowjetische Flotte den ebenfalls überalterten finnischen Küstenpanzer „Viborg“ (Ex-„Vanemuinen“).

Was die schweren Kreuzer betrifft, so befinden sich die früheren deutschen Schiffe „Petropawlowsk“ (Ex-„Lützow“) und „Foltawa“ (Ex-„Seydlitz“) auf der Leningrader „Putilow-Werft“. Hier ihre Daten: 10 000 Tonnen, 32 Seemeilen Geschwindigkeit, acht 18-cm-Geschütze in vier Zwillingstürmen. Auf der gleichen Werft wird auch der Kreuzer „Marakow“ (früher „Nürnberg“), ein 6000-Tonnen-Schiff, umgebaut: er wird sechs 18-cm-Geschütze in drei Zwillingstürmen erhalten.

Gefechtsklar in der Ostsee sind an Kreuzern nur die vier modernen Schiffe der Kirow-Klasse: „Kirow“, „Maxim Gorkij“, ,,Tschapajew“ und „Tschakaiow“ (9000 Tonnen, 33 Seemeilen, neun 18-cm-Geschütze). Weitere schwere Schiffe sind vorerst nicht vorhanden.