An großen. Tagen trägt das Gebäude der Internationalen Handelskammer (IHK) am Pariser Seine-Ufer den Flaggenschmuck aller in der IHK vertretenen Länder, einschließlich den der deutschen Bundesrepublik, Daß Westdeutschland in dieser Körperschaft als gleichberechtigtes Mitglied seit einem Jahr wieder mitarbeitet, zeugt von ihrer Unabhängigkeit von politischen Überlegungen.

Die IHK hat von jeher eine dreifache Aufgabe gehabt: Die Herbeiführung einer einheitlichen Meinung der in ihr zusammengeschlossenen Wirtschaftskreise über die großen wirtschaftspolitischen Fragen, deren Vertretung den Regierungen und der Öffentlichkeit gegenüber, die Erleichterung und Verbesserung der kaufmännischen Praxis auf allen Gebieten, die der Wirtschaft selbst überlassen sind, und schließlich die Förderung der persönlichen Beziehungen zwischen den Delegierten der einzelnen Länder, Die Bedeutung dieser Aufgaben in ihrem Verhältnis zueinander hat im Laufe der Jahre und unter dem Gesichtspunkt der verschiedenen Landesgruppen gewechselt, Von Deutschland aus gesehen hat gegenwärtig gerade der letztgenannte Aufgabenkreis besondere Bedeutung,

1949 brachte in dieser Hinsicht den Kongreß von Quebec, Tagungen des Verwaltungsrats, des Vollzugsausschusses und zahlreicher Arbeitsausschüsse in Quebec, Paris und Genf, An allen Sitzungen war die deutsche Gruppe der IHK vertreten, Die Aufnahme, die sie dabei gefunden hat, kommt in der Berufung ihres Vorsitzenden, Dr. R. Morton (Frankfurt), in die Leitung des Europaauschusses zum Ausdruck. Alle deutscher Teilnehmer haben den Eindruck, daß in der IHK der Wille zu ernster, sachlicher Arbeit besteht und daß die Gelegenheit zum Gedankenaustausch mit führenden Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens der ganzen Welt von Nutzen ist. Die Arbeit der IHK auf dem Gebiet der grundlegenden Fragen der internationalen Wirtschaftspolitik – in den letzten Jahren eng verbunden mit den Problemen des Marshall-Plans und der Eingliederung Deutschlands in die Weltwirtschaft – verspricht ebenfalls in naher Zukunft Früchte zu tragen. Zwar hat sie hier lediglich beratende Funktionen, ihr Rat aber hat Gewicht, Der neue innereuropäische Zahlungsplan, der ECA-Vorschlag einer Clearing-Union und einer Währungsbank, die fortschreitende Befreiung des internationalen Handels vom System der Einfuhrkontingente und Kontrollen liegen in der Richtung ihrer immer wiederholten Appelle.

Mehr in der Stille, doch nicht weniger spürbar, vollzieht sich die Arbeit der IHK auf dem Gebiet der Wirtschaftspraxis. Ihr Schiedsgerichtshof behandelt monatlich geschäftliche Streitfälle, und ihre Schiedsklausel findet auch in den Auslandkontrakten deutscher Firmen wieder Anwendung. Die Schiedsordnung der IHK und eine Broschüre mit „praktischen Ratschlägen“ für die Verwendung ihrer Schiedsklausel sind Ende 1949 erneut in deutscher Sprache erschienen, – Mitte Dezember ist der Werberat der Kammer ins Leben getreten, dessen Aufgabe die Beilegung internationaler Streitigkeiten in der Wirtschaftswerbung ist, und der für die praktische Durchsetzung der Regeln für faire Werbemethoden zu sorgen hat. – Die ständige Verbesserung und Präzisierung der „Incoterms“ als eines Mittels zur Verhinderung von Streitigkeiten über die Interpretation handelsüblicher Vertragsformeln (cif, fob und ähnliche) erfüllt auf diesem Gebiet einen ähnlichen Zweck, Die von den Bankenverbänden einer großen Zahl von Ländern angenommenen „Einheitlichen Richtlinien für Dokumentenakkreditive“ sind ebenfalls ständiger Nachprüfung unterworfen, – Was die für die deutsche Industrie so bedeutungsvolle Frage der Auslandsmarken anbetrifft, so setzt die IHK ihre Bemühungen um deren Rückgabe fort, – Ihre Vorarbeiten für die im kommenden Jahre zu erwartende Lissaboner Revisionskonferenz auf dem Gebiete des gewerblichen Rechtsschutzes im allgemeinen stehen vor dem Abschluß. – Auf dem Verkehrsgebiet schließlich sind umfangreiche Arbeiten im Gange. Mitte Februar wird in Paris die Allgemeine Transport-Kommission tagen, die sich vor allem mit den auch in Deutschland so aktuellen Fragen des Werkverkehrs beschäftigen wird.

Im Hinblick auf den Kapitalmangel der deutschen Wirtschaft und die zu erwartende Aufhebung des Verbots ausländischer Investitionen ist die im Januar nach Paris einberufene Sitzung des Ausschusses für Auslandsinvestitionen von Interesse. In diesem Komitee ist die deutsche Gruppe durch Dr. R. Brinckmann (Hamburg) vertreten. Den Beratungen liegt ein UNO-Bericht zu Trumans „Viertem Punkt“ zugrunde, und das Ergebnis wird der Abordnung der IHK zur Februartagung des Wirtschafts- und Sozialrats in Lake Success als Richtlinie dienen.

Wie schon dieser Überblick zeigt, ist die IHK bemüht, in engstem Kontakt mit den offiziellen Stellen wie auch mit der wirtschaftlichen Praxis ihre vielseitigen Aufgaben zu erfüllen. Die deutsche Wirtschaft kann durch intensive Mitarbeit an diesen Zielen nur gewinnen. Daß sie sich dessen bewußt wird, hat das lebhafte und zunehmende Interesse von Industrie- und Handelskammern, Verbänden und Einzelunternehmen in diesem ersten Nachkriegsjahre der deutschen Mitarbeit in der IHK bewiesen, Rg.